Neuerscheinung: 24 Stunden – in Fotografien von Bodo Niederprüm

Der zweite Teil der Rückschau auf die Neuerscheinungen des vergangen Jahres widmet sich einem vergleichsweise schlankem Bändchen, das aber einen bedeutenden fotografischen Schatz hebt.

Cover2016-24StundenAm 5. und 6. Juni 1965 fand in der Wuppertaler Galerie Parnass die Fluxusaktion „24 Stunden“ statt. Nach 17 Jahren Galerietätigkeit wollte Rolf Jährling sein Ausstellungsräume in der Moltkestraße 67 aufgeben. Zum großen Finale lud er sieben Künstler zu einer abschließenden Performance ein, die nicht weniger als 24 Stunden dauern sollte. Joseph Beuys, Bazon Brock, Charlotte Moorman, Nam June Paik, Eckart Rahn, Tomas Schmit und Wolf Vostell erhielten jeweils einen eigenen Raum,  so dass sich von Samstag 0 Uhr bis zum Sonntag  um 24 Uhr eine Art Parallelperformance durch die gesamte Galerie entspinnen konnte. Die meisten Künstler arbeiteten in Schichten mit ausgedehnten Pausen. Einzige Ausnahme: Joseph Beuys. 24 Stunden lang hantierte er sitzend und stehend auf einer in Wachstuch eingeschlagenen Apfelsinenkiste mit kleinsten Objekten, elektrischen Geräten wie Tonbandgerät und Plattenspieler, einem „Doppelspaten“ und vielem mehr, nährte seinen Kopf immer wieder einem Fettkeil an, als wolle er darauf schlafen. Seine Aktion nannte er und in uns … unter uns … landunter. 

Bisher gaben vor allem Fotos von Ute Klopphaus einen Eindruck der Wuppertaler Aktionsnacht. Dabei hatte Veranstalter Rolf Jährling selbst den Fotografen Bodo Niederprüm beauftragt, das Treiben mit der Kamera zu dokumentieren. Es ist dem Bildhauer Bogomir Ecker zu verdanken, dass Niederprüms Aufnahmen 2016 erstmals als Konvolut ausgestellt wurden (24. Mai bis 10. Juni, Galerie der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig; 4. Oktober bis 27. November, Kunstverein Malkasten Düsseldorf). Ecker machte den Fotografen in Frankreich ausfindig und entdeckte 135 Negative aus der legendären Nacht in Wuppertal. 51 konzentrieren sich unmittelbar auf die Performances der Künstler, andere halten das zum Teil irritierte Publikum fest. Die Publikation zur Ausstellung zeigt nun 66 Fotografien der Serie. Viele von ihnen sind hier zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht. Die quadratischen Schwarzweiß-Fotos wirken wie kleine Zeitkapseln, die den Betrachter in die vielleicht intensivste Aktion der Fluxus-Bewegung blicken lassen. 18 Aufnahmen werfen ein Schlaglicht auf eine der wichtigsten frühen Performances von Joseph Beuys. Der seltsame Bruch zwischen künstlerischem Chaos und der festlichen Abendgarderobe der Galeriebesucher lässt erahnen, was für eine Sprengkraft Fluxus zu seiner Hochzeit gehabt hat.

24 Stunden – in Fotografien von Bodo Niederprüm
Hrsg.: Bogomir Ecker und Annette Tietenberg
Dezember 2016, Verlag Wunderhorn, Heidelberg
Broschur, 96 Seiten
ISBN: 978-3-88423-538-6
19,80 EUR (D)

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