Fundstück: Anish Kapoor protestiert mit Beuys-Motiv gegen Trump

Der aus Indien stammende britische Bildhauer Anish Kapoor hat zum künstlerischen Protest gegen die Einwanderungspolitik des frisch gewählten US-Präsidenten Donald Trump aufgerufen. Ein Post auf Instagram zeigt eine Porträtfotografie des Künstlers mit der Überschrift „Anish Kapoor: I like America and America doesn’t like Me“. Auch auf seiner Homepage ruft Kapoor andere KünstlerInnen auf, seinem Vorbild zu folgen:

„I call on fellow artists and citizens to disseminate their name and image using Joseph Beuys’s seminal work of art as a focus for social change. Our silence makes us complicit with the politics of exclusion. We will not be silent.“

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Screenshot des Instagramaccounts von Anish Kapoor, Februar 2017

1974 hatte Joseph Beuys in der New Yorker Galerie René Block die mehrtägige Performance I like America and America likes Me gezeigt. Beuys‘ Interaktion mit einem lebenden Koyoten war eine Art Initiationsritus, in dem er seinen ersten Auftritt als Künstler in den USA als symbolisches Treffen mit dem ursprünglichen Kontinent Amerika inszenierte. Das Plakat zur Aktion zeigt ein schwarzweißes Porträtfoto des Künstlers von Fotografin Ute Klophaus, negativ invertiert und auffällig grobkörnig. Über dem schemenhaften Kopf steht der Titel der Performance in altdeutsch anmutender Schrifttype.

Kapoor bleibt in der Gestaltung seiner Protestposters eng am Vorbild was Aufteilung, Schrifttype und das invertierte Porträtfoto angeht. Umso auffälliger wirkt die Abweichung des ins negativ verkehrten Titels. Schon Beuys thematisierte in seiner Performance eine Kritik am Powerkapitalismus Amerikas und seiner durch gewaltsame Eroberung geprägten Vergangenheit. Aber er hielt es zumindest nicht für unmöglich, dass die Ideen eines ausländischen Künstlers etwa zum Wandel des Kapitalbegriffs mit Interesse aufgenommen werden könnten. Aus Kapoors Veränderung des Titels spricht eine weniger optimistische Haltung gegenüber eines Amerikas unter Donald Trump.

Unter dem Hashtag #americadoesntlikeme sind auf Instagram schon einige dem Vorbild Kapoors gefolgt. Unter ihnen Beuys-Galerist Bernd Klüser, der Titel und Motiv dabei nochmals variiert. Falls weitere Aktionen geplant sind, sei an dieser Stelle noch ein anderes Motiv von Joseph Beuys empfohlen: La rivolozione siamo Noi.

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Screenshot des Instagramaccounts der Galerie Klüser, Februar 2017
Externe Links zum Thema:

Ausstellung: Joseph Beuys. 7000 Eichen – StadtRaum und Zeit

Erste Eiche an der Spitze des Stelen-Keils auf dem Friedrichsplatz. Foto: Dieter Schwerdtle
Erste Eiche an der Spitze des Stelen-Keils auf dem Friedrichsplatz. Foto: Dieter Schwerdtle

Zu Beginn der documenta 7 im März 1982 ließ Joseph Beuys auf dem Friedrichsplatz direkt vor dem Kassler Fridericianum 7000 Basaltstelen aufschichten. Der steinerne Damm bildete aus der Vogelperspektive betrachtet eine Keilform, an deren Spitze eine junge Eiche stand. Den Baum hatte der Künstler selbst gepflanzt und damit den Startschuss für ein Projekt gegeben, das bis heute fortlebt. Für 500,- DM konnte man einen Basaltblock mit jeweils einer jungen Eiche erwerben und im Stadtraum Kassels aufstellen. Die Stele sollte dabei wie ein kleiner Wächter neben dem Baum stehen und ihn gleichsam als Teil des Kunstprojekts markieren.

In unzähligen Gesprächen hatte Beuys die Finanzierung des Projekts gestemmt und die Behörden der Stadt von seiner Realisierung unter dem Titel 7ooo Eichen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung überzeugt. Unterstützung gab es unter anderem vom damaligen Kasseler Bürgermeister Hans Eichel, dem vor allem der ökologische Aspekt interessiert haben mag. Am Ende sollten schließlich nicht weniger als 7000 frisch gepflanzte Bäume den Stadtraum von Kassel beleben.

In keinem anderen Werk hat Beuys seine Idee der Sozialen Plastik so eindrücklich vor Augen geführt. Mit jedem verkauften Baum schmolz der Basaltberg auf dem Friedrichsplatz zusehends, während irgendwo in Kassel Firmenmitarbeiter, Privatfamilien oder Hausgemeinschaften über den besten Standort für das Ensemble aus Baum und Stein diskutierten. Der Basaltkeil als bildhauerisch geformtes Land-Art-Objekt, als Kunstwerk im engeren Sinne, ging nach den Vorstellungen des Künstlers in eine soziale und ökologische Handlung über – in ein Kunstwerk im erweiterten Sinne der Sozialen Plastik.

Pflanzung der ersten Eiche auf dem Friedrichsplatz am 16. März 1982 Foto: Dieter Schwerdtle
Pflanzung der ersten Eiche auf dem Friedrichsplatz am 16. März 1982. Foto: Dieter Schwerdtle

Die Neue Galerie in Kassel widmet der Aktion nun eine neue Kabinettausstellung. Anhand von Fotos, Originaldokumenten, Audio- und Filmmaterialien wird nicht nur die Historie des Projekts erzählt. Vielmehr wird auch deutlich, wie sehr Beuys‘ Vision bis heute in die Lebenswirklichkeit der Menschen reicht.

Ein Dokumentarfilm von Fabian Püschel, der in der Ausstellung zu sehen ist, kombiniert historische Aufnahmen aus der Entstehungszeit des Projekts mit neueren Interviews. Lange Kamerafahrten entlang dichter Alleen von Beuys-Eichen erschließen die Dimension der Zeit, die der Künstler 1982 bereits mitgedacht hat. Im Gegensatz zu „klassischen“ Kunstwerken, ist die Soziale Plastik niemals vollendet oder abgeschlossen. Basaltstelen und Bäume müssen gepflegt, bisweilen umgesetzt oder neu gepflanzt werden. Die Stiftung 7000 Eichen, die diesen Prozess begleitet, hat auch die jetzige Ausstellung unterstützt. So kann man die Präsentation auch als „Werbung“ verstehen, als Aufforderung, nach Beuys‘ Vorbild an der Formung der Gesellschaft aktiv mitzuwirken – sei es politisch, ökonomisch oder eben ökologisch. Das Pflanzen eines Baumes kann ein Anfang sein.

Ausstellung bis 31. Januar 2016, Neue Galerie, Schöne Aussicht 1, 34117 Kassel

Dokumentarfilm 7000 Eichen von Volker Püschel auf YouTube

Literatur zum Thema:
Stiftung 7000 Eichen (Hg.), 30 Jahre Joseph Beuys 7000 Eichen, Köln 2012