Neuerscheinung: Mysterien für alle – Kleinste Aufzeichnungen

Ein sorgfältig gestalteter kleiner Band aus dem Suhrkamp Verlag versammelt skizzenhafte Notate von Joseph Beuys. Ein großer Teil der Handschriften aus dem Nachlass des Künstlers war vor 15 Jahren in einem kapitalen Katalogbuch von Eva Beuys herausgegeben worden. Aus dieser – längst nur noch antiquarisch zu bekommenen Sammlung – traf der Schriftsteller Steffen Popp nun eine Auswahl von 90 Blättern, die bequem auf dem Nachttisch Platz findet.

Cover2015PoppMysterienJede Doppelseite besteht aus der Abbildung des Originals auf der Linken und der Transkription auf der Rechten. Die Darstellung der Schriftstücke auch in Bildform ist wichtig, denn keine der Notizen ist einfach nur aufgeschrieben. Vielmehr ist jedes Blatt bewusst gestaltet, hat jedes Wort seinen festen Ort auf dem Blatt. Begriffe bilden Kurven, Knäuel, Fächer und Türme, verknüpfen sich durch Linien, Pfeile und geometrische Formen, werden ergänzt durch kleinste Symbole und Zeichnungen. Die Grenze zwischen Notiz und Skizze, zwischen Zeichnung und Aufzeichnung wird mit jedem Blatt neu verhandelt. Beuys hat diese Form des zeichnerischen Denkens auch in der Öffentlichkeit vollzogen, wenn er bei Diskussionen mit dem Publikum scheinbar nebenbei schwarze Schultafeln beschrieb, die er später als – im Wortsinn – Tafelbilder präsentierte oder in plastische Installationen überführte. Raumgreifende Werke wie Richtkräfte (1977) und Das Kapital Raum 1970‒1977 (1984) haben in dieser performativen Praxis ihren Ursprung. Hier nun die intime Kleinstform, Sedimente von Gedanken, die der Künstler jenseits der großen Bühne erprobte.

Joseph Beuys hat häufig betont, dass Denken, Sprechen und Zeichnen eigentlich plastische Prozesse sind. Bereits die Bildung eines Begriffes im Kopf verstand er als Akt der Formung, ebenso wie die schriftliche oder mündliche Äußerung einer Idee nicht zufällig als Formulierung bezeichnet wird. So lassen sich die Notate in diesem Buch als Stationen inmitten der Wegstrecke zwischen Gedanke, Begriff, Zeichnung und Plastik betrachten. Sie bestechen nicht zuletzt durch die Vielfalt der verwendeten Papiere: Briefumschläge, Kalenderblätter, Pappuntersetzer, Drucksachen aller Art. Wie bei seinen plastischen Arbeiten war Beuys für seine Aufzeichnungen das Gefundene, Gebrauchte, Unperfekte oft lieber als das frisch Gekaufte aus dem Künstlerbedarf. Der spezielle Charme dieser Materialität entfaltet sich schon bei der oberflächlichen Betrachtung. Will man auf die inhaltliche Ebene vorstoßen, braucht es hingegen Zeit. Nach schnell erblätterten Bonmots und Aphorismen sucht man vergeblich. Es erfordert Aufmerksamkeit und Geduld, den Denkfiguren zu folgen. Oft bleibt das Geschriebene rätselhaft, wirkt eher als Quelle eines verborgenen Strudels von Assoziationen. Kenner des Werkes von Beuys finden hier sicher mehr Anknüpfungspunkte als Betrachter, die noch kaum Bekanntschaft mit der Begriffs- und Motivwelt des Künstlers gemacht haben. Das handliche Format und die bibliophile Aufmachung der Publikation bieten einen hervorragenden Anreiz für beides: den lustvollen Erstkontakt und das vertiefende Studium der Kunst von Joseph Beuys. So ist der Blick in den geheimnisvollen Zettelkasten des Künstlers eine wertvolle Ergänzung zu den inzwischen zahlreichen Überblicksdarstellungen seines Werkes.

Joseph Beuys: Mysterien für alle – Kleinste Aufzeichnungen
Auswahl und Nachwort von Steffen Popp
Oktober 2015, Bibliothek Suhrkamp
Gebunden, 198 Seiten
ISBN: 978-3-518-22492-2
24,95 € (D) / 25,70 € (A) / 35.50 CHF

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