Zum 30. Todestag von Joseph Beuys

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Joseph Beuys, 1985 © Laurence Sudre/Leemage

Am 23. Januar 2016 jährt sich der Todestag von Joseph Beuys zum dreißigsten Mal. Zu diesem Anlass finden zahlreiche Veranstaltungen rund um Leben und Wirken des Künstlers statt.

Das Museum Schloss Moyland im niederrheinischen Bedburg-Hau verfügt über die größte Sammlung von Einzelwerken von Beuys weltweit. Vor allem das Frühwerk ist hier so intensiv wie sonst nirgends im Original zu studieren. Am 23. Januar geben dort zwei Sonderführungen Einblicke in den üppigen Bestand. Abends wird in einer Podiumsdiskussion die Frage erörtert, welche Impulse Beuys‘ Kunst uns heute geben kann. Neben den Experten des Museums ist Kunsthistoriker Wolfgang Zumdick  eingeladen, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen.

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Design: Jörg Petri, Foto: Museum Schloss Moyland

Im Internet ist die Diskussion bereits in vollem Gange: Unter dem Hashtag #beuysheute ruft das Museum Schloss Moyland dazu auf, den Satz „Wenn ich an Beuys denke, denke ich an…“ zu vervollständigen. Unter dem Hashtag #beuysundich kann man sich auch künstlerisch ausdrücken und erproben, wie Werk und Theorie des Künstlers einen selbst zu formalen Experimenten anregen. Fotos und Videos können auf der Facebookseite des Museums oder über Twitter gepostet werden.

Ein hochkarätig besetztes Symposium findet in der Kunsthochschule Kassel am 23. Januar statt. Unter dem Titel „Macht die Geheimnisse produktiv – Joseph Beuys morgen“ präsentiert die Stiftung 7000 Eichen Referate, Filme und Gespräche mit Gästen wie Eugen Blume, Antje von Graevenitz, Christa-Maria Lerm-Hayes, Johannes Stüttgen und Rhea Thönges-Stringaris. Zwischendurch gibt es Gelegenheit, die laufende Ausstellung „Joseph Beuys – 7000 Eichen – StadtRaum und Zeit“ in der Neuen Galerie zu besuchen, oder natürlich im Stadtraum Kassels einen Teil von Beuys‘ weitläufigsten Kunstwerk 7000 Eichen zu erwandern.

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Joseph Beuys, Transsibirische Bahn, 1961 / LICHAMEN, 1967, Block Beuys, Raum 1 (oben), Block Beuys, Raum 2 (unten), © VG Bild-Kunst Bonn 2016, Fotos: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

Das Hessische Landesmuseum Darmstadt widmet Beuys am 24. Januar einen ganzen Aktionstag. Über den Tag verteilt finden fünf Sonderführungen zu verschiedenen thematischen Schwerpunkten statt. Zu entdecken gibt es allen voran den Block Beuys, den größten Komplex plastischer Werke des Künstlers. Beuys selbst hat die Auswahl der Objekte vorgenommen und zwischen 1970 und 1984 in sechs aufeinanderfolgenden Räumen des Museums installiert. Die Dichte der Präsentation bindet die Werke zu einem einzigartigen Raumerlebnis zusammen, das die Gesamtinstallation in einen Schwebezustand zwischen Dauerausstellung und selbstständiger Raumplastik überführt. Darüber hinaus geht eine der Führungen auch in die grafische Sammlung des Museums, wo Zeichnungen von Joseph Beuys zu sehen sind.

Einige der Veranstaltungen erfordern eine Anmeldung. Details gibt es auf den verlinkten Seiten.

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Neuerscheinung: Fruchtmann

Was macht man als begabter Maler, wenn es an der Zeit für die Wahl eines Berufes ist? Natürlich – auf die Kunsthochschule gehen, um Künstler zu werden. So ungefähr hatte es sich der Ich-Erzähler in Tibor Patakys Roman Fruchtmann gedacht, als er um 1970 in der Klasse von Professor Joseph Beuys in Düsseldorf landet. Was ihn dort erwartet, ist weitaus schwieriger als das Erweitern und Erlernen malerischer Techniken, es ist die unerwartete Konfrontation mit der Frage, was das eigentlich sei, ein Künstler.

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Beuys, mit – neben – gegen, 1976-7 (c) Prolitteris, 2015

Beuys hat seine Klasse in der Kunstakademie unlängst für alle geöffnet, die bei ihm studieren wollen. Die Umgehung des offiziellen Zulassungsverfahrens bringt ihm dabei nicht nur Ärger mit der Leitung der Akademie ein, sondern führt letztlich sogar zu seiner fristlosen Entlassung aus dem Lehrbetrieb. Als Patakys Erzähler in die Klasse kommt, muss er sich den Platz dort bereits mit über 200 Kommilitonen teilen, die um die Aufmerksamkeit des Meisters buhlen. Dessen Unterricht ist streng, seine Korrekturen gefürchtet. Nicht selten übermalt, verändert oder zerstört der Lehrer ungefragt Werke seiner Schüler, schickt sie ohne konkrete Anweisungen oder Vorschläge zurück an den Werktisch, wenn man dann einen abbekommen hat im völlig überfüllten Raum 20. Die Atmosphäre ist explosiv.

Schnell merkt der Ich-Erzähler, dass es in den hitzigen Diskussionen vor, während und nach dem Unterricht weniger ums Bildermalen oder plastische Arbeiten geht, sondern vielmehr um die ganz großen Themen: die Gesellschaft, die Politik, die Erziehung, das Menschsein und vor allem die Rolle der Kunst im Spannungsfeld all dieser Lebensbereiche. Viel Stoff für einen, der eigentlich nur gekommen war, um aus seinem zeichnerischen Talent einen Beruf zu machen. Die ersten Selbstzweifel des Erzählers bleiben nicht aus: Was will ich mit meinen Bildern sagen? Was treibt mich an zu malen? Ist es mir wirklich ernst mit der Kunst?

Erst Jahre später, Beuys lebt längst nicht mehr, traut sich der Erzähler, seinen ehemaligen Professor mit all diesen Fragen zu konfrontieren, ihm zu schildern wie es war, sich an ihm, dem Totalkünstler, als Vorbild messen lassen zu müssen. Über lange Strecken liest sich dieser nie versendete Brief, als der die Erzählung formuliert ist, wie eine Anschuldigung. Bildhaft schildert Pataky die bisweilen anarchischen Zustände in der Beuys-Klasse, lässt seinen Erzähler fragen, warum der Professor nicht eingegriffen hat, wenn etwa Studierende aufgrund des Konkurrenzkampfs zwischen den Kommilitonen, der chaotischen Arbeitsbedingungen oder der immer währenden beißenden Fremd- und Selbstkritik resigniert sind. Er lässt aber auch nie einen Zweifel darüber aufkommen, wie richtig, wie unumgänglich die existentiellen Fragen waren, denen Beuys seine Studenten aussetzte.

Der Autor hat zahlreiche Ehemalige der Klasse Beuys interviewet. Darüber hinaus standen ihm die Publikationen von Petra Richter und von Beuys-Meisterschüler Johannes Stüttgen zur Verfügung, um seine Geschichte über einen fiktiven Beuys-Schüler so glaubhaft  und authentisch wie möglich zu machen. Verbürgte Anekdoten, wirkliche Personen und der tatsächliche Ablauf der Geschehnisse rund um Beuys’ Lehrtätigkeit bilden eine perfekte Bühne. Auf ihr kann Pataky das introspektive Drama einer Persönlichkeitsentwicklung entfalten, das durch die Anonymisierung seines Protagonisten stellvertretend für viele steht. Es ist die Geschichte derjenigen, denen das Studium bei Joseph Beuys zwar nicht zur großen Kunstmarkt-Karriere verhalf, die aber das Erlebnis dieser intensiven Zeit wie einen persönlichen Schatz hüten, der sie ein Leben lang an all ihre unterschiedlichen Wirkungsstätten begleitet. Nach der Lektüre des Romans hat man verstanden, warum sich viele von ihnen bis heute als „Beuys-Schüler“ bezeichnen, obwohl sie – oftmals selbst Kunsterzieher geworden – längst Generationen eigener Schüler betreut und geprägt haben.

Tibor Patakys Balance aus Fiktion und Tatsachen ist äußerst überzeugend, was nicht zuletzt der sorgfältigen Recherche geschuldet ist, die der Erzählung zugrunde liegt (es gibt sogar einen ausführlichen Anmerkungsapparat). Dank seiner einzigartigen atmosphärischen Dichte kann der Roman die kunsthistorischen Abhandlungen über Joseph Beuys‘ Rolle als Professor um eine lebhafte und erkenntnisreiche Facette ergänzen.

Tibor Pataky: Fruchtmann
Februar 2015, Kommode Verlag Zürich
Broschur, 2o8 Seiten
ISBN 978-3-9524114-8-3
19,90 € / 21.90 CHF

Literatur zum Thema:

Petra Richter, Mit, neben, gegen. Die Schüler von Joseph Beuys, Düsseldorf 2000

Johannes Stüttgen, Der Ganze Riemen. Der Auftritt von Joseph Beuys als Lehrer – die Chronologie der Ereignisse an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf 1966–1972, Köln 2008