Neuerscheinung: Joseph Beuys. Skulpturen

Man mag es kaum glauben, aber seit Dezember letzten Jahres ist erstmals eine Einzelausstellung mit plastischen Arbeiten von Joseph Beuys in Kanada zu sehen. Neben einigen Papierarbeiten zeigt die National Gallery of Canada in Ottawa über 20 Skulpturen des Künstlers, darunter so hochkarätige Werke wie den frühen Torso (1949/51), das Hasengrab (1964-79), und Infiltration-homogen für Cello (1966-85). Hinter dem geheimnisvollen Titel des letzteren verbirgt sich ein mit Filz ummanteltes Violoncello. Mit seinem aufgenähten roten Kreuz hat es eine ähnlich ikonische Strahlkraft wie sein „großer Bruder“, der Filzflügel im Pariser Centre Pompidou (Infiltration homogen für Konzertflügel, 1966). Die präsentierten Werke sind Leihgaben des kanadischen Sammlers David Thomson und des Berliner Sammlerpaares Céline und Heiner Bastian.

Cover2016SkulpturenOttawa2Mit knapp über 100 Seiten nimmt sich der vorliegende Ausstellungskatalog recht schlank aus. Grund dafür ist, dass man sich – wie der Titel schon verrät – weitgehend auf die Abbildung der ausgestellten Skulpturen beschränkt hat. Warum man auf die Papierarbeiten verzichtet hat, erfahren wir nicht. Aber auch so gibt es einiges zu entdecken. Die Reproduktionsqualität der ganzseitigen Abbildungen ist brillant, so dass man selten gesehene Werke wie das kleine Artilleriedenkmal (1960/63) oder den unbetitelten Handrasierer mit Filzgriff (1963) hervorragend studieren kann. Zu einigen Werken gibt es ergänzende Installationsaufnahmen, die den historischen Kontext der Arbeiten aufrufen – mal mit dem Künstler daneben, mal ohne ihn. Lohnend ist auch der Anhang, der neben den Daten aller gezeigten Werke auch ihre Ausstellungshistorie auflistet. Diese Sorgfalt würde man bei vergleichbaren Publikationen gerne häufiger sehen.

Verantwortlich für die detailreichen Fakten zeichnet Heiner Bastian. Der heutige Galerist arbeitete häufig mit Joseph Beuys zusammen, hat ihm beim Aufbau zahlreicher Ausstellungen assistiert. Seine eigene Sammlung von Beuys-Werken hat er offenbar präzise dokumentiert. Umso erstaunlicher ist, dass aus eben jener Sammlung hier erstmals ein Werk auftaucht, das niemals zuvor gezeigt wurde. Dabei ist die Gyroscopische Plastik (1964-1982) alles andere als ein Kleinformat. Sie besteht vielmehr aus einem kompletten Konzertflügel. Auf ihm steht ein Porzellanteller, in dem ein kleiner hölzerner Kreisel liegt. Die pure Existenz dieses Werkes ist so überraschend, dass man froh über Bastians Erklärung zur Genese des Werkes ist. Demnach setzte Beuys den Kreisel in lautlose Bewegung, nachdem er ein Stück von Eric Satie auf dem Flügel gespielt und den Deckel der Klaviatur geschlossen hat. Ein Foto dieser Szene, die sich im Sommer 1983 in Berlin abgespielt hat, findet sich zwei Seiten weiter.

Bastian versäumt es nicht, das neu entdeckte Werk in den Kontext der anderen zu stellen, in denen Beuys Klaviere oder Flügel als Objekte verwendete – sieben Stück, zu denen jetzt ein achtes hinzukommt. 30 Jahre nach dem Tod des Künstlers kommt es selten vor, dass eine „neue“ Arbeit von Joseph Beuys auftaucht. Eines in dieser Größenordnung darf man als eine kleine Sensation betrachten. Man fragt sich, warum Bastian die Gyroscopische Plastik erst jetzt erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Wie viele Neuentdeckungen mag es in seinem Lager noch geben? Es wird noch einige Zeit dauern, bis der Flügel samt Teller und Kreisel sein Debüt in einem deutschen Ausstellungshaus feiert, denn die Schau in Ottawa ist noch bis zum 27. November 2017 zu sehen. Bis dahin können wir zum Glück auf die Lektüre des vorliegenden Bandes zurückgreifen.

Joseph Beuys. Skulpturen
Katalog National Gallery of Canada, Ottawa
Herausgegeben von Céline, Aeneas und Heiner Bastian
März 2016, Schirmer Mosel, Edition Heiner Bastian
Gebunden, 108 Seiten, 56 Abb.
ISBN: 978-3829607452
68,00 € (D)

Ausstellung bis zum 27. November 2017
National Gallery of Canada, 360 Sussex Drive, Ottawa, Canada K1N9N4

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Das Kapital Raum 1970-1977 zieht nach Berlin

Nun also steht es fest: Die Raumarbeit Das Kapital Raum 1970-1977 wird deinstalliert. Beuys hatte die Objekte des Werkes im April 1984 als Kernstück der Hallen für Neue Kunst Schaffhausen eigenhändig installiert und es ist seit dem nie auf Reisen gewesen. Kürzlich wurde bekannt, dass der Sammler Erich Marx das Werk erworben hat und es der Neuen Nationalgalerie Berlin als Dauerleihgabe übergeben will. Langfristig soll es eines der Hauptwerke des geplanten Museums der Moderne in Berlin werden.

Es liegt eine gewisse Pointe darin, dass das Werk nun sozusagen vor dem Museum da ist, denn einer ähnlichen Situation verdankt es überhaupt seine heutige Form. Beuys hatte die Arbeit auf der 39. Biennale in Venedig 1980 erstmals gezeigt und war schon vor Beginn der Biennale auf die Suche nach einem geeigneten Raum gegangen, in dem er sie nach Ende der Ausstellung dauerhaft präsentieren wollte. Die Suche führte ihn über den Düsseldorfer Galeristen Konrad Fischer zu dem Schweizer Künstler und Sammler Urs Raussmüller. Der fand die Lösung in einer ehemalige Textilfabrik in Schaffhausen, die er ab 1982 aufwendig umbaute und so die Hallen für Neue Kunst Schaffhausen schuf. Zwar sollte die neue Institution auch zahlreiche Werke aus Raussmüllers Sammlung (u.a. von Mario Merz, Robert Ryman und Bruce Nauman) beherbergen, doch der Dreh- und Angelpunkt aller Bemühungen war die Schaffung des Beuys-Raumes. In einem wunderbaren Essay schildert Christel Sauer den Entstehungsprozess der Hallen für Neue Kunst rund um Beuys‘ Rauminstallation. Sie berichtet auch, wie sehr Beuys selbst immer wieder auf die Fertigstellung des Gebäudes drängte, da er nicht gewusst habe, wie viel Zeit ihm noch bliebe.

Als Beuys im April 1984 zusammen mit seinem Mitarbeiter Heiner Bastian nach Schaffhausen kam, stand ein zweigeschossiger Saal mit Fensterfront zur Verfügung. In Absprache mit dem Künstler hatte Raussmüller an dieser Stelle eine Geschossdecke entfernen lassen, um die großzügige Öffnung des Raumes nach oben hin zu gewährleisten. Die Höhe war Beuys wichtig, um Platz für 36 beschriebene Schultafeln zu haben, die er gegenüber der Fenster aufhängte. Zusammen mit den sonstigen im Raum verteilten Objekten – weiteren Tafeln, einer Leiter, technischen Gerätschaften, einem Konzertflügel und anderen Dingen – ergab sich jenes beindruckende Gesamtbild, das Beuys als dauerhafte Form des Werkes seit nunmehr fast vier Jahren angestrebt hatte. Die Eröffnung am 5. Mai 1984 sorgte schließlich auch international für großes Aufsehen. Nicht nur Beuys‘ Arbeit, sondern vor allem auch die besondere Raumsituation des ehemaligen Fabrikgebäudes gab wichtige Impulse zur Präsentation zeitgenössischer Kunst außerhalb klassischer Museumsbauten.

Nach über 30 Jahren wird Das Kapital Raum 1970-1977 nun also umziehen. Vorausgegangen waren die unsichere Finanzierung der Hallen für Neue Kunst und ein langwieriger Rechtsstreit zwischen den Eigentümern von Das Kapital Raum 1970-1977, der letztlich den entscheidenden Anlass zur Schließung der Hallen gegeben haben dürfte. Urs Raussmüller kündigte an, seine Kunstsammlung künftig in Basel zu zeigen, die Zukunft des Beuys-Raumes blieb vorerst unklar. Dies änderte sich jetzt mit der Nachricht, dass Erich Marx das Werk von den zerstrittenen Eigentümern gekauft habe, um es nach Berlin zu bringen. Es bleibt das unbehagliche Gefühl, eine authentische, von Beuys als optimal angesehene Raumsituation verloren zu haben. Es wird sich zeigen, ob und auf welche Weise die Objekte des Werkes ihre Wirkung auch an ihrem neuen Platz so intensiv wie in Schaffhausen entfalten können.

Externe Links zum Thema:

FAZ zum Ankauf von das Kapital Raum 1970-1977 durch Erich Marx (20.02.2015)

Pressemitteilung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zur Dauerleihgabe von Erich Marx (24.02.2015)

Art-Magazin zum Rechtsstreit und zur Schließung der Hallen für Neue Kunst Schaffhausen (18.06.2014)

Homepage der Hallen für Neue Kunst Schaffhausen und der Raussmüller Collection in Basel

Literatur zum Thema:

Christel Sauer, Eine Entstehungsgeschichte: Das Kapital Raum 1970-1977 & Die Hallen für Neue Kunst Schaffhausen, Basel 2012

Mario Kramer, Das Kapital Raum 1970-1977,Heidelberg 1991

Franz-Joachim Verspohl, Joseph Beuys Das Kapital Raum 1970-1977. Strategien zur Reaktivierung der Sinne, Frankfurt a.M. 1984