Ausstellung: Ich kenne kein Weekend. Aus René Blocks Archiv und Sammlung

René Block unterscheidet sorgsam zwischen Kunsthändlern und Galeristen. Während die einen lediglich Waren verschieben, bieten die anderen eine Plattform, ein Experimentierfeld für neue künstlerische Positionen. Block selbst ist mit Leib und Seele Galerist, dem es immer daran gelegen war, dem noch Unerprobten einen Platz zwischen all dem Etablierten zu erkämpfen. Seine 1964 in Berlin gegründete Galerie bezeichnete er gelegentlich als „Kampfgalerie“. Und kämpfen konnte er gut.

Joseph Beuys, René Block, Aufbau der Ausstellung Ja, jetzt brechen wir hier den Scheiß ab, Galerie René Bock, Berlin 1979 Foto: Christiane Hartmann
Joseph Beuys, René Block, Aufbau der Ausstellung Ja, jetzt brechen wir hier den Scheiß ab, Galerie René Bock, Berlin 1979, Foto: Christiane Hartmann

So verlangte Block auf dem Kölner Kunstmarkt 1969 für die Installation The pack (das Rudel) von Joseph Beuys einen sechsstelligen Kaufpreis – eine ungeheure Summe, die damals ausschließlich mit Werken amerikanischer Kunststars wie Robert Rauschenberg und Andy Warhol zu erzielen war. Block wollte die junge deutsche Kunst endlich befreien von ihrer übergroßen Ehrfurcht gegenüber den Vorbildern aus den USA. Dazu bedurfte es des Verkaufs eines zeitgenössischen deutschen Spitzenwerks zu einem angemessenen symbolischen Spitzenpreis. Welches Werk hätte besser geeignet sein können als Beuys’ VW-Bus, aus dessen Heckklappe 24 Holzschlitten mit Taschenlampenaugen, Filzdecken und Reiseproviant in die Freiheit springen. Kollege Alfred Schmela bot 30.000,- DM und Beuys empfahl zuzustimmen, doch Block blieb hart. Als das Rudel am Ende der Kunstmesse schließlich für 110.000,- DM an den Sammler Jost Herbig verkauft wurde, kam das einem Signal für das Selbstbewusstsein der gesamten deutschen Kunstlandschaft gleich. Es war aber auch ein Sieg des Galeristen auf dem Feld der Kunsthändler.

Im Sommer 1964 hatten sich Block und Beuys im Atelier von Wolf Vostell persönlich kennengelernt und waren sich sofort sympathisch. Block trug sich gerade mit dem Gedanken, eine Galerie in Berlin zu eröffnen, um Ausstellungen und Aktionen für Künstler wie Sigmar Polke, Gerhard Richter, Konrad Lueg und Wolf Vostell zu organisieren. Zum Erstaunen des damals 22-jährigen, bekundete Beuys – immerhin namhafter Kunstprofessor – Interesse an einer Zusammenarbeit und noch im gleichen Jahr fand mit der Aktion Der Chef / The Chief in den Räumen der Galerie René Block Beuys’ erste Einzelaktion überhaupt statt.

Joseph Beuys, René Block, Aufbau der Ausstellung „Richtkräfte `74“, René Block Gallery, New York 1975 Foto: Archiv Block
Joseph Beuys, René Block, Aufbau der Ausstellung „Richtkräfte `74“, René Block Gallery, New York 1975
Foto: Archiv Block

In den kommenden Jahren wurde die Galerie Block so etwas wie die ständige Vertretung des Rheinländers Beuys in Berlin. Hier führte er zahlreiche seiner Aktionen durch und hier wurden viele seiner bekanntesten Multiples verlegt, unter anderem der berühmte Filzanzug (1970). Auch das Rudel gebar gewissermaßen Junge. 30 DM kostete jeder der 55 Schlitten, die Beuys und Block als Edition auflegten. So funktionierte für beide die Demokratisierung der Kunst: Auf der einen Seite das museale Hauptwerk, das mit seinem Rekorderlös die weitere Arbeit von Galerist und Künstler finanzierte, auf der anderen Seite die für jeden erschwinglichen Multiples, die wie kleine Sender die Botschaft der Kunst in die Welt hinaus trugen. Auch für andere Künstler übernahm Block die Streuung solcher Sender – vor allem die Fluxus-Bewegung um Künstler wie Nam June Paik, Arthur Köpcke, Dieter Rot und Robert Filliou fand in Block einen ihrer wichtigsten Multiplikatoren und Mitstreiter.

Als Block 1974 seine Galerieräume in New York eröffnete, führte Beuys eine seiner spektakulärsten Aktionen unter dem Titel I like America and America likes Me durch. Drei Tage lang konnten ihn die Galeriebesucher durch ein Maschendrahtgitter dabei beobachten, wie er mit einem lebendigen Kojoten interagierte. Die von Beuys in Auftrag gegebenen Filmaufnahmen zeigen etwa, wie er, eingewickelt in eine zeltartige Filzdecke, einen hölzernen Gehstock anstelle seines Kopfes in die Luft reckend, schamanisch anmutende Posen einnimmt. Der Kojote zerrt derweil am Filzbehang der wiegenden Figur und löst schließlich einige Stoffstreifen ab. Der Film, sowie die ikonischen Fotografien von Carolin Tisdall, die den halb-spielerischen, halb-rituellen Vorgang festhalten, gehören zu den anrührendsten und beeinruckendsten Dokumenten der zeitgenössischen Aktionskunst überhaupt.

Werke von Jarosław Kozłowski, On Kawara, Nam June Paik, Joseph Beuys; Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein, 2015 © Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe / VG Bild-Kunst
Werke von Jarosław Kozłowski, On Kawara, Nam June Paik, Joseph Beuys; Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein, 2015, © Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe / VG Bild-Kunst

René Block verstand sich immer als Komplizen der Künstler, dessen Aufgabe es war, Momente wie diesen zu unterstützen oder überhaupt erst zu ermöglichen. Der Neue Berliner Kunstverein präsentiert nun die Früchte seiner Arbeit anhand von zahlreichen Werken aus seiner Sammlung. Zeitgleich gibt der Blick in sein Archiv, den die Berlinische Galerie zeigt, einen Eindruck von der immensen kommunikativen und organisatorischen Energie, die Blocks Arbeit bis heute antreibt. Der treffende Titel der Doppelausstellung geht auf den Titel eines Multiples von Beuys zurück: Ich kenne kein Weekend. Zur Ausstellung erschien ein opulenter Katalog, der anhand von historischen Texten, Fotos und anderen Archivmaterialien die Geschichte von Blocks Galerietätigkeit anschaulich dokumentiert – eine unschätzbare Fundgrube zur Geschichte der jüngeren deutschen Avantgardekunst. Eine Ausstellungszeitung versammelt zusätzlich Gastbeiträge zu einzelnen Aspekten von Blocks Wirken.

Der gemeinsame Weg von René Block und Joseph Beuys endete wenige Monate vor dem Tod des Künstlers. Block organisierte am 29. November 1985 in Hamburg ein Simultankonzert für drei Klaviere. Henning Christiansen und Nam June Paik saßen an ihren Flügeln in der Hochschule für Bildende Künste. Beuys war gesundheitlich so angeschlagen, dass er selbst nicht mehr vor Ort sein konnte. Durch ein Telefon, das auf einen dritten Flügel stand, gab er von Düsseldorf aus Handlungsanweisungen. Es war die letzte Performance, an der Beuys teilnahm, und das letzte Kapitel der über 20 Jahre andauernden Zusammenarbeit mit René Block.

Ausstellung bis 15. Februar 2016, Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin

Ausstellung bis 24. Januar 2016, Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128-129, 10115 Berlin

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