Ausstellung: Das Kapital. Schuld – Territorium -Utopie

Seit dem 2. Juli 2016 ist DAS KAPITAL RAUM 1970-1977 in seiner neuen Heimat Berlin zu sehen. Wie hier bereits berichtet, war dieses raumgreifende Hauptwerk von Joseph Beuys 30 Jahre lang in den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen beheimatet, bevor sich seine Eigentümer überworfen haben. Der Sammler Erich Marx erwarb es 2014 und stellte es der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin als Dauerleihgabe zur Verfügung. Seinen eigentlichen Platz soll es in einem neuen Museum am Kulturforum an der Potsdamer Straße erhalten. Solange sich dieses aber lediglich in der Planung befindet, hat es im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart eine Zwischenstation von unbekannter Dauer eingelegt.

Eugen Blume, der für die Installation verantwortlich zeichnet, orientiert sich bei der Anordnung der Objekte streng an der Originalaufstellung, die Beuys 1984 für Schaffhausen entwickelt hatte. Die klare, geometrische Architektur der ehemaligen Industriehalle ist in Berlin einem Kuppelsaal gewichen, deren Deckenhöhe der Arbeit genügend Platz in die Vertikale bietet. Die Kuppel selbst besteht aus transparente Elementen durch die viel natürliches Licht fällt – auch das erinnert an den lichtdurchfluteten Raum der Originalaufstellung. Dass das Licht nun von oben statt frontal auf die Installation fällt, ist dem Gesamteindruck weniger abträglich, als man annehmen könnte. Als schwieriger erweisen sich der hölzerne Museumsboden und die Geschlossenheit des Raumes. Die Architektur in Schaffhausen war deutlich offener und der raue Betonboden hat dort zum Charakter eines Arbeitsraumes oder einer Versuchsanordnung beigetragen. Diese Lesart ist in der jetzigen Aufstellung erschwert, das Werk mit dem Umzug ins Museum tatsächlich musealer geworden.

katalogkapital
Katalog: DAS KAPITAL.
SCHULD – TERRITORIUM – UTOPIE

Flankiert wird die Berliner Erstpräsentation der Arbeit durch die Ausstellung „Das Kapital. Schuld – Territorium – Utopie“. Die Kuratoren Eugen Blume und Catherine Nichols kreisen anhand von Objekten verschiedenster Epochen und Ursprüngen um Konzepte von Wert, Kostbarkeit und Kapital. Die Heterogenität der Exponate lässt einen roten Faden nur erahnen. Über das, was im Ausstellungssaal wie ein assoziatives Durcheinander anmutet, gibt dann eher der Katalog Auskunft. Die hier versammelten Texte thematisieren weniger die einzelnen Ausstellungsstücke, doch spannen sie den Kontext für die komplexen Überlegungen der Kuratoren auf. Eine spannende Lektüre, die sich sogar abgekoppelt vom Besuch der Ausstellung loht, nicht zuletzt, weil das Katalogbuch aufregend gestaltet ist und gleichsam selbst als grafisches Objekt gelten kann.

Die Ausstellung ist der letzte große Akt, den Eugen Blume für den Hamburger Bahnhof inszeniert, bevor er das Haus verlässt. Die Museumslandschaft der Hauptstadt verliert mit ihm einen großen Kenner der Kunst von Joseph Beuys. Es ist sicherlich auch Blumes verdienst gewesen, dass DAS KAPITAL RAUM 1970-1977 dem öffentlichen Publikum in Deutschland in Zukunft zugänglich sein wird. Interessant wird es zu beobachten, in welcher Weise künftige Kuratoren mit dem Riesenwerk umgehen.

Ausstellung bis zum 6. November 2016, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin

Das Kapital. Schuld – Territorium – Utopie
Katalog Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart
Hrsg.: Eugen Blume / Catherine Nichols
Dortmund, Juli 2016
Gebunden, 252 Seiten, dt./engl.
ISBN: 978-3-86206-575-2
49,00 EUR (D)

Externe Links zum Thema:
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Neuerscheinung: Mysterien für alle – Kleinste Aufzeichnungen

Ein sorgfältig gestalteter kleiner Band aus dem Suhrkamp Verlag versammelt skizzenhafte Notate von Joseph Beuys. Ein großer Teil der Handschriften aus dem Nachlass des Künstlers war vor 15 Jahren in einem kapitalen Katalogbuch von Eva Beuys herausgegeben worden. Aus dieser – längst nur noch antiquarisch zu bekommenen Sammlung – traf der Schriftsteller Steffen Popp nun eine Auswahl von 90 Blättern, die bequem auf dem Nachttisch Platz findet.

Cover2015PoppMysterienJede Doppelseite besteht aus der Abbildung des Originals auf der Linken und der Transkription auf der Rechten. Die Darstellung der Schriftstücke auch in Bildform ist wichtig, denn keine der Notizen ist einfach nur aufgeschrieben. Vielmehr ist jedes Blatt bewusst gestaltet, hat jedes Wort seinen festen Ort auf dem Blatt. Begriffe bilden Kurven, Knäuel, Fächer und Türme, verknüpfen sich durch Linien, Pfeile und geometrische Formen, werden ergänzt durch kleinste Symbole und Zeichnungen. Die Grenze zwischen Notiz und Skizze, zwischen Zeichnung und Aufzeichnung wird mit jedem Blatt neu verhandelt. Beuys hat diese Form des zeichnerischen Denkens auch in der Öffentlichkeit vollzogen, wenn er bei Diskussionen mit dem Publikum scheinbar nebenbei schwarze Schultafeln beschrieb, die er später als – im Wortsinn – Tafelbilder präsentierte oder in plastische Installationen überführte. Raumgreifende Werke wie Richtkräfte (1977) und Das Kapital Raum 1970‒1977 (1984) haben in dieser performativen Praxis ihren Ursprung. Hier nun die intime Kleinstform, Sedimente von Gedanken, die der Künstler jenseits der großen Bühne erprobte.

Joseph Beuys hat häufig betont, dass Denken, Sprechen und Zeichnen eigentlich plastische Prozesse sind. Bereits die Bildung eines Begriffes im Kopf verstand er als Akt der Formung, ebenso wie die schriftliche oder mündliche Äußerung einer Idee nicht zufällig als Formulierung bezeichnet wird. So lassen sich die Notate in diesem Buch als Stationen inmitten der Wegstrecke zwischen Gedanke, Begriff, Zeichnung und Plastik betrachten. Sie bestechen nicht zuletzt durch die Vielfalt der verwendeten Papiere: Briefumschläge, Kalenderblätter, Pappuntersetzer, Drucksachen aller Art. Wie bei seinen plastischen Arbeiten war Beuys für seine Aufzeichnungen das Gefundene, Gebrauchte, Unperfekte oft lieber als das frisch Gekaufte aus dem Künstlerbedarf. Der spezielle Charme dieser Materialität entfaltet sich schon bei der oberflächlichen Betrachtung. Will man auf die inhaltliche Ebene vorstoßen, braucht es hingegen Zeit. Nach schnell erblätterten Bonmots und Aphorismen sucht man vergeblich. Es erfordert Aufmerksamkeit und Geduld, den Denkfiguren zu folgen. Oft bleibt das Geschriebene rätselhaft, wirkt eher als Quelle eines verborgenen Strudels von Assoziationen. Kenner des Werkes von Beuys finden hier sicher mehr Anknüpfungspunkte als Betrachter, die noch kaum Bekanntschaft mit der Begriffs- und Motivwelt des Künstlers gemacht haben. Das handliche Format und die bibliophile Aufmachung der Publikation bieten einen hervorragenden Anreiz für beides: den lustvollen Erstkontakt und das vertiefende Studium der Kunst von Joseph Beuys. So ist der Blick in den geheimnisvollen Zettelkasten des Künstlers eine wertvolle Ergänzung zu den inzwischen zahlreichen Überblicksdarstellungen seines Werkes.

Joseph Beuys: Mysterien für alle – Kleinste Aufzeichnungen
Auswahl und Nachwort von Steffen Popp
Oktober 2015, Bibliothek Suhrkamp
Gebunden, 198 Seiten
ISBN: 978-3-518-22492-2
24,95 € (D) / 25,70 € (A) / 35.50 CHF

Das Kapital Raum 1970-1977 zieht nach Berlin

Nun also steht es fest: Die Raumarbeit Das Kapital Raum 1970-1977 wird deinstalliert. Beuys hatte die Objekte des Werkes im April 1984 als Kernstück der Hallen für Neue Kunst Schaffhausen eigenhändig installiert und es ist seit dem nie auf Reisen gewesen. Kürzlich wurde bekannt, dass der Sammler Erich Marx das Werk erworben hat und es der Neuen Nationalgalerie Berlin als Dauerleihgabe übergeben will. Langfristig soll es eines der Hauptwerke des geplanten Museums der Moderne in Berlin werden.

Es liegt eine gewisse Pointe darin, dass das Werk nun sozusagen vor dem Museum da ist, denn einer ähnlichen Situation verdankt es überhaupt seine heutige Form. Beuys hatte die Arbeit auf der 39. Biennale in Venedig 1980 erstmals gezeigt und war schon vor Beginn der Biennale auf die Suche nach einem geeigneten Raum gegangen, in dem er sie nach Ende der Ausstellung dauerhaft präsentieren wollte. Die Suche führte ihn über den Düsseldorfer Galeristen Konrad Fischer zu dem Schweizer Künstler und Sammler Urs Raussmüller. Der fand die Lösung in einer ehemalige Textilfabrik in Schaffhausen, die er ab 1982 aufwendig umbaute und so die Hallen für Neue Kunst Schaffhausen schuf. Zwar sollte die neue Institution auch zahlreiche Werke aus Raussmüllers Sammlung (u.a. von Mario Merz, Robert Ryman und Bruce Nauman) beherbergen, doch der Dreh- und Angelpunkt aller Bemühungen war die Schaffung des Beuys-Raumes. In einem wunderbaren Essay schildert Christel Sauer den Entstehungsprozess der Hallen für Neue Kunst rund um Beuys‘ Rauminstallation. Sie berichtet auch, wie sehr Beuys selbst immer wieder auf die Fertigstellung des Gebäudes drängte, da er nicht gewusst habe, wie viel Zeit ihm noch bliebe.

Als Beuys im April 1984 zusammen mit seinem Mitarbeiter Heiner Bastian nach Schaffhausen kam, stand ein zweigeschossiger Saal mit Fensterfront zur Verfügung. In Absprache mit dem Künstler hatte Raussmüller an dieser Stelle eine Geschossdecke entfernen lassen, um die großzügige Öffnung des Raumes nach oben hin zu gewährleisten. Die Höhe war Beuys wichtig, um Platz für 36 beschriebene Schultafeln zu haben, die er gegenüber der Fenster aufhängte. Zusammen mit den sonstigen im Raum verteilten Objekten – weiteren Tafeln, einer Leiter, technischen Gerätschaften, einem Konzertflügel und anderen Dingen – ergab sich jenes beindruckende Gesamtbild, das Beuys als dauerhafte Form des Werkes seit nunmehr fast vier Jahren angestrebt hatte. Die Eröffnung am 5. Mai 1984 sorgte schließlich auch international für großes Aufsehen. Nicht nur Beuys‘ Arbeit, sondern vor allem auch die besondere Raumsituation des ehemaligen Fabrikgebäudes gab wichtige Impulse zur Präsentation zeitgenössischer Kunst außerhalb klassischer Museumsbauten.

Nach über 30 Jahren wird Das Kapital Raum 1970-1977 nun also umziehen. Vorausgegangen waren die unsichere Finanzierung der Hallen für Neue Kunst und ein langwieriger Rechtsstreit zwischen den Eigentümern von Das Kapital Raum 1970-1977, der letztlich den entscheidenden Anlass zur Schließung der Hallen gegeben haben dürfte. Urs Raussmüller kündigte an, seine Kunstsammlung künftig in Basel zu zeigen, die Zukunft des Beuys-Raumes blieb vorerst unklar. Dies änderte sich jetzt mit der Nachricht, dass Erich Marx das Werk von den zerstrittenen Eigentümern gekauft habe, um es nach Berlin zu bringen. Es bleibt das unbehagliche Gefühl, eine authentische, von Beuys als optimal angesehene Raumsituation verloren zu haben. Es wird sich zeigen, ob und auf welche Weise die Objekte des Werkes ihre Wirkung auch an ihrem neuen Platz so intensiv wie in Schaffhausen entfalten können.

Externe Links zum Thema:

FAZ zum Ankauf von das Kapital Raum 1970-1977 durch Erich Marx (20.02.2015)

Pressemitteilung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zur Dauerleihgabe von Erich Marx (24.02.2015)

Art-Magazin zum Rechtsstreit und zur Schließung der Hallen für Neue Kunst Schaffhausen (18.06.2014)

Homepage der Hallen für Neue Kunst Schaffhausen und der Raussmüller Collection in Basel

Literatur zum Thema:

Christel Sauer, Eine Entstehungsgeschichte: Das Kapital Raum 1970-1977 & Die Hallen für Neue Kunst Schaffhausen, Basel 2012

Mario Kramer, Das Kapital Raum 1970-1977,Heidelberg 1991

Franz-Joachim Verspohl, Joseph Beuys Das Kapital Raum 1970-1977. Strategien zur Reaktivierung der Sinne, Frankfurt a.M. 1984