Neuerscheinung: Film als Form. Joseph Beuys und das bewegte Bild

CoverJensen2016Wie kaum ein anderer Künstler verstand sich Joseph Beuys darauf, seine in Kunstwerken artikulierten Überzeugungen mit einem medialen Image zu verknüpfen. Der „Mann mit Hut und Anglerweste“ ist als Bild nicht weniger einprägsam, als der in Filz eingenähte Konzertflügel oder der Schlitten mit Taschenlampenauge. Dabei war das äußere Erscheinungsbild des Künstlers weit mehr als ein Marketinggag. In einem wunderbaren Essay von 1986 erklärt Franz-Joachim Verspohl, dass vor allem durch den Hut das „Kunstmachen“ zum permanenten, öffentlichen Akt wurde. Durch ihn verschmolzen die Institution Beuys mit der Person zu einer Einheit – den Künstler. Ulf Jensen beschreibt in einem Kapitel seines Buches, wie bewusst der Künstler sein öffentliches Auftreten geformt hat. Anhand der Analyse von frühen Fernsehinterviews und Pressebildern kann Jensen zeigen, wie Beuys das Spiel mit Fernseh- und Fotokameras steuerte. In einem beinahe plastischen Prozess gestaltete er sein Auftreten schrittweise aus, verfeinerte und verfestigte es. Allein schon in diesem Aspekt gibt sich Beuys als Medienkünstler.

Im Verlauf des Buches wird das Verhältnis von Beuys zum Medium Film aus den unterschiedlichsten Richtungen in den Blick genommen. So gibt es zahlreiche Filme von Aktionen, die der Künstler selbst in verschiedenem Maße beauftragte, beaufsichtigte oder bearbeitete, sowie Videoperformances, die ausschließlich für die Kamera entstanden. In einem seiner bekanntesten Videoarbeiten sitzt er vor einem Fernsehapparat und schlägt sich mit Boxhandschuhen ins Gesicht (Filz-TV, 1970). Spätestens wenn man die Filzplatte entdeckt, die statt eines Bildschirms in das Gerät montiert ist, ahnt man, dass Beuys‘ Verhältnis zum Fernsehbild trotz seiner diversen Einlassung mit diesem Medium ein verzwicktes war. Die Vorstellung, seine Ideen durch das Massenmedium zu streuen, mag ihn gereizt haben. Doch die auf den reinen Seh- und Hörsinn beschnittene Rezeption, zu der der Blick auf den Bildschirm den Betrachter zwingt, war mit seinem Streben nach einer Kunstform, die alle Sinne aktiviert, kaum vereinbar. Die Bandbreite seiner erweiterten ästhetischen Ausdrucksmittel ließ sich kaum auf einen Bildschirm übertragen. Der „Ausstieg aus dem Bild“ konnte für Beuys unmöglich durch den Einstieg in den Fernsehmonitor gelingen.

In der hinreißenden Analyse der kleinen Fettplastik 1952 (1952) zeigt Jensen, wie Beuys Naturform und technisches Medium gegenüber stellt. Auf einer Bienenwachsplatte türmte er ein pyramidales Gestrüpp aus Grashalmen zu einer Art Vogelnest auf und übergoß es mit Wachs. Das Resultat ist eine mehrdeutige, komplexe Konfiguration zwischen chaotischem Naturzustand und kristalliner Form, wie sie für Beuys typisch ist. Daneben ein schmaler Filmstreifen aus Zelluloid von wenigen Zentimetern Länge. Mit einiger Mühe lassen sich auf ihm die Umrisse eines Vogels erkennen, das Fragment eines Naturfilms von Heinz Sielmann, bei dessen Dreharbeiten Joseph Beuys assistiert hatte. Wir beobachten einen Bildnerwettstreit: auf der einen Seite Sielmanns filmische Abbildung von Natur, die Beuys als ein lebloses Stück Folie präsentiert, auf der anderen Seite seine eigene künstlerische Schöpfung, die so sinnlich, offen und geheimnisvoll ist, wie die Natur selbst. Schon in diesem frühen Werk artikuliert der Künstler den Mehrwert der unmittelbaren plastischen Form gegenüber dem technischen Medium.

Die Analyse der Fettplastik 1952 ist nur eine von vielen detaillierten Werkbeschreibungen, an denen der Autor das besondere Verhältnis von Joseph Beuys zum Film veranschaulichen kann. Die schiere Anzahl von Werken zu diesem Thema, vor allem aber der Facettenreichtum mit dem der Künstler es immer wieder aufgreift, erstaunen. Es gibt sie zwar, die Begeisterung für das bewegte Bild, wenn Beuys etwa eine Szene aus einem Gangsterfilm in eine Performance überführt (Dillinger, 1974) oder – ganz im Sinne Andy Warhols – Fotos von Greta Garbo multipliziert. Insgesamt überwiegt aber der Eindruck, der Bildhauer habe dem Film als genuin künstlerisches Medium weit weniger zugetraut als der Skulptur. So kommt es einer Art Rettungsversuch gleich, wenn er in vielen Werken das Medium des Films in das der Plastik überführt. Die äußere Form eines Stapels verzinkter Filmspulen schien ihm einen höheren ästhetischen Erkenntnisgewinn zu ermöglichen, als der Spielfilm unter der Metallschicht (Das Schweigen, 1973). Es ist ein Genuss zu beobachten, auf welch hohem künstlerischen Niveau Beuys die Möglichkeiten und Grenzen des bewegten Bildes reflektiert. Die reichbebilderte Abhandlung von Ulf Jensen rückt diesen Aspekt im Oeuvre des Künstlers erstmals umfassend in den Fokus und erschließt damit einen überraschenden, neuen Blick auf den Medienkünstler Joseph Beuys.

Ulf Jensen: Film als Form. Joseph Beuys und das bewegte Bild
Januar 2016, De Gruyter
Gebunden, 340 Seiten, 145 Abb.
ISBN: 978-3-11-036465-1
99,95 € (D)