Notiert: Zeug und Zeichen. Über die Capri-Batterie und die Bedeutung des Materials

Anfang der Woche wurde in einem Zeitungsartikel eine Plastik beschrieben, die aus einer Kunststoffzitrone und einer Glühbirne bestand. Die Rede war von Beuys‘ Capri-Batterie, einem seiner letzten und wohl bekanntesten Multiples, entstanden 1985. Die Konfiguration ist so einfach wie ausdrucksstark: auf der einen Seite die Zitrone, auf der anderen Seite eine gelbe Glühbirne, deren Fassung mit zwei Kontakten in die Frucht gesteckt ist. Eine leichtfüßige und doch hintergründige Parallelform aus Natur und Technik, deren Clou daraus besteht, gleichermaßen auf das Potential und die Endlichkeit von natürlichen Energiespeichern hinzuweisen. Denn Beuys fügte der Plastik eine Art Gebrauchsanweisung hinzu, die auf die Holzkiste des Multiples gedruckt ist: „Nach 1000 Stunden Batterie wechseln“. Es ist eine kleine Hausaufgabe, die der Künstler den künftigen Besitzern und Konservatoren des Werkes mitgegeben hat. Bei Nichtbeachtung des Hinweises zerstört die Plastik sich sozusagen von selbst – denn Beuys hatte natürlich die Verwendung einer echten Frucht im Sinn, und nicht die einer künstlichen. Die meisten Restauratoren im Museum nehmen die ihnen gestellte Aufgabe sehr ernst und integrieren den Batteriewechsel alle sechs Wochen in ihre Arbeitsroutine. Nur bei einer einzigen Gelegenheit in einem Museum in Norddeutschland kam mir der Verdacht, dass da eine Gipszitrone an der Glühbirne steckte.

Im Zeitungsartikel ist nun von einer Kunststoffzitrone die Rede, und ich hoffe ein wenig, dass sich der Autor beim Blick durch die Glashaube geirrt hat. Alles andere nämlich würde nicht nur die Anweisung des Künstlers missachten, sondern vor allem die zentrale Bedeutung von Materialität im Werk von Beuys unterlaufen. Die Vielfalt an Materialien, die Beuys für seine Kunst verwendete, ist fast sprichwörtlich. Fell und Fußnägel, Blut und Knochen, Öl und Honig, Kupfer und Eisen, Fett und Filz. Die Liste ließe sich fortsetzen. Die Materialien haben neben ihrer symbolischen Bedeutung immer auch eine spezifische, sinnliche Anmutung und eine tatsächliche Funktion. Die Stapel und Rollen aus Filz verweisen nicht nur auf Konzepte von „Schutz“ oder „Speicherung“, sondern sie sind tatsächlich dazu in der Lage, Körperwärme zu isolieren und zu speichern. Fett und Butter symbolisieren nicht „Nahrung“, sondern sie haben einen messbaren kalorischen Gehalt. Und all die Kupferplatten  und -drähte sind hervorragende Leiter, die als solche eben nicht nur in Beuys‘ Zeichenvokabular auftauchen, sondern überall in der Technik Verwendung finden.

Material ist bei Beuys immer beides: Zeug und Zeichen. Zeug durchaus in Heideggers Sinn als ein zweckdienlicher Gegenstand. Diese Doppelbedeutung katapultiert Beuys‘ Plastiken vom Sockel und lässt sie als reelle Objekte in die Lebenswirklichkeit des Betrachters krachen. Beuys‘ Materialästhetik ist dem Drang nach größtmöglicher sinnlicher Unmittelbarkeit geschuldet. Wenn er Fett benutzt, dann auch, weil es riecht, ranzig wird und seinen stofflichen Zustand mit schwankenden Temperaturen verändert. Wenn man die Materialien aber durch Surrogate ersetzt, reduziert man reelle Objekt auf abstrakte Zeichenträger. Eine Zitrone aus Kunststoff ist weder Batterie noch Natur, sie ist lediglich Symbol. Jede Fotografie der Plastik würde  dann die abstrakte Idee der Capri-Batterie ebenso gut transportieren, wie die Version mit der Plastikzitrone. Für einen „echten“ Beuys bedarf es aber der „echten“ Frucht. Und es ist das wunderbare Paradoxon der Capri-Batterie, dass ihre Echtheit alle sechs Wochen neu hergestellt werden muss.

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