Neuerscheinung: BEUYS. Ein Film von Andres Veiel

2017-Veiel-Beuys-FilmplakatSchon während den Arbeiten zu seinem Film Black Box BRD (2001) ist Dokumentarfilmer Andres Veiel auf ein brisantes Thema gestoßen: Die Undurchsichtigkeit der Finanzströme in einer Welt von Hedgefonds und Turbokapitalismus. Bei einem Museumsbesuch 2008 fiel ihm ein Video von Joseph Beuys ins Auge, in dem der Künstler seine Ideen zu einer Demokratisierung des Bankenwesens, sowie der Trennung von Arbeit und Einkommen vorstellte. Das war der Startschuss für Veiels neuesten Dokumentarfilm BEUYS, der am 2. Mai im Düsseldorfer Museum Kunstpalast seine Kinopremiere feiert. Im Februar war er bereits auf der Berlinale zu sehen.

Nicht weniger als 250 Stunden Videomaterial im Medienarchiv des Hamburger Bahnhofs in Berlin bildeten die Hauptquelle für den Regisseur. Nicht mitgerechnet reines Audiomaterial von Vorträgen und Interviews, sowie eigene Gespräche, die Veiel mit Zeitgenossen führte. Die aus dieser Stoffmenge destillierte Collage rückt Joseph Beuys als utopischen Ökonom und politischen Querdenker in den Fokus. Dabei stellt sich eine verblüffende Erkenntnis ein: das grobkörnige Videomaterial aus den Archiven wirkt 31 Jahre nach dem Tode Beuys‘ historisch, die darin geäußerten Gedanken hingegen könnten kaum aktueller sein. Die Schwachstellen und Paradoxien des modernen kapitalistischen Wirtschafts- und Bankensystems sind in den letzten Jahrzehnten immer offensichtlicher geworden und Beuys‘ Lösungsansätze haben von ihrer radikalen Strahlkraft nichts eingebüßt. Der Dokumentarfilm transportiert das utopische Potential des komplexen Beuysschen Kapitalbegriffs vielleicht besser, als es eine Ausstellung mit Werken des Künstlers könnte.

Ein Wermutstropfen ist die Bemerkung des Regisseurs, der Schnitt des Films habe 18 Monate gedauert, weil sich die Klärung der Bildrechte als äußerst kostenintensiv und kompliziert erwiesen hat. Immer wieder mussten Fotos und historische Filmaufnahmen während des Schnitts gestrichen werden, weil die Erwerbung der entsprechenden Rechte zu teuer gewesen sei. Veiel spricht hier ein Problem an, das Autoren von Fachbüchern, Museumskuratoren, Journalisten und Dokumentarfilmer gleichermaßen beschäftigt. Das Recht der Urheber an ihren Medien ist selbstverständlich ein hohes Gut, wenn es aber die Beschäftigung mit historisch relevanten Themen in einem Bildungskontext massiv beeinträchtigt, muss man über einige Details der aktuellen Gesetzeslage vielleicht neu nachdenken. Die Politik der Bilder folgt längst den Spielregeln der Ökonomie. Ob das mit Beuys‘ Kapitalbegriff in Einklang zu bringen ist?

BEUYS
Buch/Regie: Andres Veiel
2017, Produktion: SWR/Arte/WDR/zero one films/Terz Filmproduktion
103 Minuten
Ab 18. Mai im Kino

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Offizieller Trailer zum Film
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Neuerscheinung: 24 Stunden – in Fotografien von Bodo Niederprüm

Der zweite Teil der Rückschau auf die Neuerscheinungen des vergangen Jahres widmet sich einem vergleichsweise schlankem Bändchen, das aber einen bedeutenden fotografischen Schatz hebt.

Cover2016-24StundenAm 5. und 6. Juni 1965 fand in der Wuppertaler Galerie Parnass die Fluxusaktion „24 Stunden“ statt. Nach 17 Jahren Galerietätigkeit wollte Rolf Jährling sein Ausstellungsräume in der Moltkestraße 67 aufgeben. Zum großen Finale lud er sieben Künstler zu einer abschließenden Performance ein, die nicht weniger als 24 Stunden dauern sollte. Joseph Beuys, Bazon Brock, Charlotte Moorman, Nam June Paik, Eckart Rahn, Tomas Schmit und Wolf Vostell erhielten jeweils einen eigenen Raum,  so dass sich von Samstag 0 Uhr bis zum Sonntag  um 24 Uhr eine Art Parallelperformance durch die gesamte Galerie entspinnen konnte. Die meisten Künstler arbeiteten in Schichten mit ausgedehnten Pausen. Einzige Ausnahme: Joseph Beuys. 24 Stunden lang hantierte er sitzend und stehend auf einer in Wachstuch eingeschlagenen Apfelsinenkiste mit kleinsten Objekten, elektrischen Geräten wie Tonbandgerät und Plattenspieler, einem „Doppelspaten“ und vielem mehr, nährte seinen Kopf immer wieder einem Fettkeil an, als wolle er darauf schlafen. Seine Aktion nannte er und in uns … unter uns … landunter. 

Bisher gaben vor allem Fotos von Ute Klopphaus einen Eindruck der Wuppertaler Aktionsnacht. Dabei hatte Veranstalter Rolf Jährling selbst den Fotografen Bodo Niederprüm beauftragt, das Treiben mit der Kamera zu dokumentieren. Es ist dem Bildhauer Bogomir Ecker zu verdanken, dass Niederprüms Aufnahmen 2016 erstmals als Konvolut ausgestellt wurden (24. Mai bis 10. Juni, Galerie der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig; 4. Oktober bis 27. November, Kunstverein Malkasten Düsseldorf). Ecker machte den Fotografen in Frankreich ausfindig und entdeckte 135 Negative aus der legendären Nacht in Wuppertal. 51 konzentrieren sich unmittelbar auf die Performances der Künstler, andere halten das zum Teil irritierte Publikum fest. Die Publikation zur Ausstellung zeigt nun 66 Fotografien der Serie. Viele von ihnen sind hier zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht. Die quadratischen Schwarzweiß-Fotos wirken wie kleine Zeitkapseln, die den Betrachter in die vielleicht intensivste Aktion der Fluxus-Bewegung blicken lassen. 18 Aufnahmen werfen ein Schlaglicht auf eine der wichtigsten frühen Performances von Joseph Beuys. Der seltsame Bruch zwischen künstlerischem Chaos und der festlichen Abendgarderobe der Galeriebesucher lässt erahnen, was für eine Sprengkraft Fluxus zu seiner Hochzeit gehabt hat.

24 Stunden – in Fotografien von Bodo Niederprüm
Hrsg.: Bogomir Ecker und Annette Tietenberg
Dezember 2016, Verlag Wunderhorn, Heidelberg
Broschur, 96 Seiten
ISBN: 978-3-88423-538-6
19,80 EUR (D)

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Fundstück: Anish Kapoor protestiert mit Beuys-Motiv gegen Trump

Der aus Indien stammende britische Bildhauer Anish Kapoor hat zum künstlerischen Protest gegen die Einwanderungspolitik des frisch gewählten US-Präsidenten Donald Trump aufgerufen. Ein Post auf Instagram zeigt eine Porträtfotografie des Künstlers mit der Überschrift „Anish Kapoor: I like America and America doesn’t like Me“. Auch auf seiner Homepage ruft Kapoor andere KünstlerInnen auf, seinem Vorbild zu folgen:

„I call on fellow artists and citizens to disseminate their name and image using Joseph Beuys’s seminal work of art as a focus for social change. Our silence makes us complicit with the politics of exclusion. We will not be silent.“

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Screenshot des Instagramaccounts von Anish Kapoor, Februar 2017

1974 hatte Joseph Beuys in der New Yorker Galerie René Block die mehrtägige Performance I like America and America likes Me gezeigt. Beuys‘ Interaktion mit einem lebenden Koyoten war eine Art Initiationsritus, in dem er seinen ersten Auftritt als Künstler in den USA als symbolisches Treffen mit dem ursprünglichen Kontinent Amerika inszenierte. Das Plakat zur Aktion zeigt ein schwarzweißes Porträtfoto des Künstlers von Fotografin Ute Klophaus, negativ invertiert und auffällig grobkörnig. Über dem schemenhaften Kopf steht der Titel der Performance in altdeutsch anmutender Schrifttype.

Kapoor bleibt in der Gestaltung seiner Protestposters eng am Vorbild was Aufteilung, Schrifttype und das invertierte Porträtfoto angeht. Umso auffälliger wirkt die Abweichung des ins negativ verkehrten Titels. Schon Beuys thematisierte in seiner Performance eine Kritik am Powerkapitalismus Amerikas und seiner durch gewaltsame Eroberung geprägten Vergangenheit. Aber er hielt es zumindest nicht für unmöglich, dass die Ideen eines ausländischen Künstlers etwa zum Wandel des Kapitalbegriffs mit Interesse aufgenommen werden könnten. Aus Kapoors Veränderung des Titels spricht eine weniger optimistische Haltung gegenüber eines Amerikas unter Donald Trump.

Unter dem Hashtag #americadoesntlikeme sind auf Instagram schon einige dem Vorbild Kapoors gefolgt. Unter ihnen Beuys-Galerist Bernd Klüser, der Titel und Motiv dabei nochmals variiert. Falls weitere Aktionen geplant sind, sei an dieser Stelle noch ein anderes Motiv von Joseph Beuys empfohlen: La rivolozione siamo Noi.

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Screenshot des Instagramaccounts der Galerie Klüser, Februar 2017
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Neuerscheinung: Beuys Brock Vostell. Aktion Demonstration Partizipation 1949-1983

Dem 30. Todesjahr von Joseph Beuys wurde 2016 nicht nur mit zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungen gedacht, auch auf dem Buchmarkt machte sich die Bedeutung des Jubiläumsjahres bemerkbar. Die Fülle an Neuerscheinungen zum Thema Beuys hat vergangenes Jahr drastisch zugenommen, was vor allem zeigt, wie ungebrochen das Interesse am Künstler Beuys und den Themen, die er in seinem Denken und Schaffen umkreiste, auch heute noch – oder gerade heute wieder – ist. Zu Beginn des neuen Jahres gilt es daher, auf einige spannende Publikationen hinzuweisen, die hier im Blog noch nicht die ihr gebührende Aufmerksamkeit erfahren haben.

cover2016karlsruheBereits im Sommer 2014 zeigte das ZKM, Museum für Neue Kunst in Karlsruhe die Ausstellung Beuys Brock Vostell. Aktion Demonstration Partizipation 1949-1983. Ein erster Blick in den dazugehörigen Katalog lässt erahnen, warum er erst über ein Jahr nach Ende der Ausstellung erschien. Die 400 Seiten im Großformat verstehen sich weniger als Begleitbuch zur Ausstellung als eine Quellensammlung. Anhand historischer Fotos und Originaldokumente wird die Hinwendung von Joseph Beuys, Bazon Brock und Wolf Vostell zur performativen Kunst dargestellt. Ein Hauptaugenmerk liegt dabei auf den gemeinsamen Aktionen der drei Künstler.

Als Protagonisten der FLUXUS-Bewegung erweiterten Joseph Beuys, Bazon Brock und Wolf Vostell in den 1960er Jahren die Bandbreite künstlerischer Ausdrucksformen radikal. Das schloss nicht nur die Verwendung kunstferner Materialien und Alltagsobjekte ein, sondern auch die Einbeziehung darstellender Elemente in den Kontext der bildenden Kunst – die Aktionskunst war in Deutschland angekommen, der „Ausstieg aus dem Bild“ zum Programm geworden. Anstelle des materiellen Kunstwerkes trat der agierende Künstler selbst – entweder als Performer, der symbolisch-kryptische Handlungen vor dem Betrachter vollzog, oder als Animateur, der das Publikum durch Handlungsanweisungen in das Geschehen einbezog.

Die drei Künstler setzten dabei unterschiedliche Schwerpunkte, die Peter Weibel in seinem Vorwort als pädagogisch (Beuys), polemisch (Brock) und propagandistisch (Vostell) beschreibt. Auch in der Art und Weise und im Grad der Publikumspartizipation lassen sich Unterschiede feststellen. Vor allem Beuys gab den chaotischen und spontanen Charakter vieler FLUXUS-Happenings bald zugunsten einer konzentrierten, auratischen Art der Solo-Performace auf. Den Ausgangspunkt ihrer frühen Aktionen bildete laut Weibel bei allen drei Künstlern der Zweite Weltkrieg und seine Folgen. Hier geben sie sich als Bestandteil jenes gesellschaftspolitischen Diskurses zu erkennen, der unter dem Schlagwort der 68er-Bewegung untrennbar mit der Nachkriegsgeschichte der jungen Bundesrepublik verknüpft ist und bis heute nachwirkt.

Die Dokumentation der Aktionskunst ist vor allem deshalb von großer Bedeutung, weil sie per definitionem keine Objekte mit Werkcharakter hervorbrachte. Fotos, Briefwechsel, Programmskizzen, Wurfzettel, Schriftstücke und Drucksachen aller Art sind die einzigen stofflichen Dokumente, anhand derer man die Geschichte der FLUXUS-Aktionen darstellen und bewahren kann. Umso wichtiger ist eine Publikation wie diese. Nicht weniger als 700 Abbildungen zeigen historische Dokumente, die zum Teil nirgends vorher publiziert wurden – eine echte Fundgrube, die zur intensiven Beschäftigung mit dem Thema einlädt. Auf die in Katalogen sonst obligatorischen thematischen Essays ist verzichtet worden. Stattdessen steuert Bazon Brock seine Bekenntnisse zur Ausstellung Beuys Brock Vostell bei und gibt damit gleichsam einen imaginären Rundgang durch die Schau. Deren Inszenierung lässt sich anhand von Installationsfotos am Ende des Bandes nachvollziehen. Ein kapitales Buch, dessen Anspruch und Nachhaltigkeit weit über die meisten „klassischen“ Ausstellungskataloge hinausgeht.

Beuys Brock Vostell. Aktion Demonstration Partizipation 1949-1983
Katalog ZKM Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe
Hrsg.: Peter Weibel
Ostfildern 2016
416 S., 1000 Abb., Hardcover, dt.
ISBN:978-3-7757-3864-4
58,00 EUR (D)

Ausstellung: Das Kapital. Schuld – Territorium -Utopie

Seit dem 2. Juli 2016 ist DAS KAPITAL RAUM 1970-1977 in seiner neuen Heimat Berlin zu sehen. Wie hier bereits berichtet, war dieses raumgreifende Hauptwerk von Joseph Beuys 30 Jahre lang in den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen beheimatet, bevor sich seine Eigentümer überworfen haben. Der Sammler Erich Marx erwarb es 2014 und stellte es der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin als Dauerleihgabe zur Verfügung. Seinen eigentlichen Platz soll es in einem neuen Museum am Kulturforum an der Potsdamer Straße erhalten. Solange sich dieses aber lediglich in der Planung befindet, hat es im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart eine Zwischenstation von unbekannter Dauer eingelegt.

Eugen Blume, der für die Installation verantwortlich zeichnet, orientiert sich bei der Anordnung der Objekte streng an der Originalaufstellung, die Beuys 1984 für Schaffhausen entwickelt hatte. Die klare, geometrische Architektur der ehemaligen Industriehalle ist in Berlin einem Kuppelsaal gewichen, deren Deckenhöhe der Arbeit genügend Platz in die Vertikale bietet. Die Kuppel selbst besteht aus transparente Elementen durch die viel natürliches Licht fällt – auch das erinnert an den lichtdurchfluteten Raum der Originalaufstellung. Dass das Licht nun von oben statt frontal auf die Installation fällt, ist dem Gesamteindruck weniger abträglich, als man annehmen könnte. Als schwieriger erweisen sich der hölzerne Museumsboden und die Geschlossenheit des Raumes. Die Architektur in Schaffhausen war deutlich offener und der raue Betonboden hat dort zum Charakter eines Arbeitsraumes oder einer Versuchsanordnung beigetragen. Diese Lesart ist in der jetzigen Aufstellung erschwert, das Werk mit dem Umzug ins Museum tatsächlich musealer geworden.

katalogkapital
Katalog: DAS KAPITAL.
SCHULD – TERRITORIUM – UTOPIE

Flankiert wird die Berliner Erstpräsentation der Arbeit durch die Ausstellung „Das Kapital. Schuld – Territorium – Utopie“. Die Kuratoren Eugen Blume und Catherine Nichols kreisen anhand von Objekten verschiedenster Epochen und Ursprüngen um Konzepte von Wert, Kostbarkeit und Kapital. Die Heterogenität der Exponate lässt einen roten Faden nur erahnen. Über das, was im Ausstellungssaal wie ein assoziatives Durcheinander anmutet, gibt dann eher der Katalog Auskunft. Die hier versammelten Texte thematisieren weniger die einzelnen Ausstellungsstücke, doch spannen sie den Kontext für die komplexen Überlegungen der Kuratoren auf. Eine spannende Lektüre, die sich sogar abgekoppelt vom Besuch der Ausstellung loht, nicht zuletzt, weil das Katalogbuch aufregend gestaltet ist und gleichsam selbst als grafisches Objekt gelten kann.

Die Ausstellung ist der letzte große Akt, den Eugen Blume für den Hamburger Bahnhof inszeniert, bevor er das Haus verlässt. Die Museumslandschaft der Hauptstadt verliert mit ihm einen großen Kenner der Kunst von Joseph Beuys. Es ist sicherlich auch Blumes verdienst gewesen, dass DAS KAPITAL RAUM 1970-1977 dem öffentlichen Publikum in Deutschland in Zukunft zugänglich sein wird. Interessant wird es zu beobachten, in welcher Weise künftige Kuratoren mit dem Riesenwerk umgehen.

Ausstellung bis zum 6. November 2016, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin

Das Kapital. Schuld – Territorium – Utopie
Katalog Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart
Hrsg.: Eugen Blume / Catherine Nichols
Dortmund, Juli 2016
Gebunden, 252 Seiten, dt./engl.
ISBN: 978-3-86206-575-2
49,00 EUR (D)

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Neuerscheinung: Beuys Düsseldorf-Oberkassel Drakeplatz 4

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Konstellation von Beuys im
Raum Drakeplatz 4 mit „Stuhl mit Fett 1962–1963“, 1963, © Eva Beuys, für die abgebildeten Werke von Joseph Beuys © VG Bild-Kunst, Bonn/courtesy Schirmer/Mosel

Ein neuer Bildband zeigt Aufnahmen aus dem Düsseldorfer Atelier und Wohnhaus von Joseph Beuys aus den Jahren 1961 bis 1977. Gemacht hat sie Eva Beuys, die Ehefrau des Künstlers, mit einer 9 x 12 cm Plattenkamera. Sparsam hätten sie sein müssen damals, schreibt Eva Beuys im Vorwort, so dass jede Aufnahme mit dem teuren Fotomaterial mit bedacht ausgeführt wurde. Und tatsächlich mutet keines der Motive wie ein Schnappschuss an. Wenn etwa in Augenhöhe der Kamera der heute weltberühmte Fettstuhl (1962/63) im strengen Profil neben anderen Werken auf einem Tisch steht, wirkt nichts zufällig. Offenbar arrangierte Beuys seine Werke in verschiedenen Konstellationen, erprobte so ihre Wechselwirkung untereinander und ihre Präsenz im Raum.

Manche der teils selbstgebauten Möbelstücke muten fast selbst wie Plastiken an. Der auffällige Bodenbelag aus eigenhändig vernähten Nackenstücken von Rindsleder etwa hätte gut auch Teil eines Environments sein können. Andere Einrichtungsgegenstände, wie ein Ölofen oder ein Bildhauerbock, fanden tatsächlich später Eingang ins Oeuvre des Künstlers und wanderten von der Wohnung am Drakeplatz aus durch Galerien und Ausstellungshäuser in ganz Deutschland. Geschichte und Verbleib der Objekte werden im Anhang detailliert von Eva Beuys beschrieben – eine kenntnisreiche Fundgrube zur Genese einzelner Werke.

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Detail aus „dernier espace avec introspecteur 1964–1982“ zwischen Herd und Spültisch, 19??, © Eva Beuys, für die abgebildeten Werke von Joseph Beuys © VG Bild-Kunst, Bonn/courtesy Schirmer/Mosel

Beuys lebte inmitten seiner Kunst, ebenso wie seine Familie. Einige der anrührendsten Fotos zeigen, wie unbefangen die Kinder des Hauses sich zwischen den Werken bewegen, mit ihnen spielen, auf ihnen liegen. Sohn Wenzel konnte noch nicht wissen, dass die Sitzmatratze, auf der er eingeschlafen ist, später unter dem Titel LICHAMEN eines der Hauptwerke der ersten Museumsausstellung seines Vaters werden würde. Der Anspruch des Kunsttheoretikers Beuys, Kunst und Leben müssten sich miteinander verschränken, wurde beim Familienvater längst praktisch in die Tat umgesetzt.

Das Wiedersehen heutiger Museumsstücke im privaten Arbeits- und Lebensumfeld des Künstlers löst eine schwer fassbare Wehmut aus, als umgebe die Objekte am Ort ihrer Entstehung eine Aura der zwingenden Unmittelbarkeit. Die 63 ganzseitig abgedruckten Fotos beschwören einen unwiederbringlichen historischen Zustand, in dem Kunst und Leben tatsächlich und tagtäglich aneinander stießen. Wer sonst außer Joseph Beuys hätte das so lakonisch zwischen Werkstatt, Herd und Spültisch inszenieren können?

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Wenzel schlafend, Blick aus Raum Drakeplatz 4 in Richtung Haustür, © Eva Beuys, für die abgebildeten Werke von Joseph Beuys © VG Bild-Kunst, Bonn/courtesy
Schirmer/Mosel

 

Eva Beuys, Joseph Beuys
Beuys Düsseldorf-Oberkassel Drakeplatz 4
April 2016, Schirmer/Mosel
Gebunden, 144 Seiten, 64 Abbildungen
ISBN: 978-3-8296-0704-9
49,80 € (D), 51.20 (A), CHF 57.30

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Ausstellung: Joseph Beuys. Werklinien

Joseph Beuys in seinem Atelier im Kurhaus in Kleve, über das Kreuz des Büdericher Ehrenmals gebeugt, 1959 (Photographie Fritz Getlinger), Museum Kurhaus Kleve
Joseph Beuys in seinem Atelier im Kurhaus in Kleve, über das Kreuz des Büdericher Ehrenmals gebeugt, 1959 © Museum Kurhaus Kleve – Nachlass Fritz Getlinger, Kleve © Photographie: Fritz Getlinger © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 für Joseph Beuys

Die Stadt Kleve am Niederrhein ist mit der Biografie von Joseph Beuys auf besondere Weise verknüpft. Fast 40 Jahre lang war dieser Ort sein Lebensmittelpunkt und der gebürtige Krefelder bezeichnet ihn in seinem poetisch-freien Lebenslauf/Werklauf sogar als seinen Geburtsort. Ende der 1950er Jahre – kurz nach seinem Kunststudium in Düsseldorf – bezog er im Gebäude des heutigen Museums Kurhaus Kleve für einige Jahre sein Atelier. Eine Fotoserie von Fritz Getlinger zeigt den jungen Beuys, als er 1958 in eben diesen Räumen an einem seiner ersten öffentlichen Aufträgen als Bildhauer arbeitet: Dem Büdericher Ehrenmal für die Toten der Weltkriege. Das Ensemble aus Kreuzform und Tor aus massivem Eichenholz schuf Beuys für einen romanischen Turm in Meerbusch-Büderich, wo es bis heute seinen festen Platz hat. Im Rahmen von Säuberungs- und Restaurierungsmaßnahmen wurden die Objekte nun kurzfristig deinstalliert. So bietet sich seit dem 1. Mai die einmalige Gelegenheit, die Arbeit an der Stätte ihrer Entstehung zu erleben. Im lichtdurchfluteten Ausstellungssaal des Museums wirkt das dunkle Holz mit seinen schweren Eisenbeschlägen archaisch an. Die groben Versalien, mit denen Beuys die Namen der 222 Büderichen Kriegstoten in den rechten Torflügel kerbte, sind gut zu lesen, schräg davor ragt das „Auferstehungssymbol“ auf, wie es der Künstler selbst bezeichnete. Die Verschmelzung aus engelhaftem Wesen und Kreuzform steht kopfüber aufgebockt mitten im Raum. Die eigenwillige Aufstellung ist eine Reminiszenz an eben jene Arbeitssituation, die Getlingers Fotos dokumentieren. Die beindruckende Begegnung mit der frühen Monumentalskulptur des Künstlers bildet den Schlüsselmoment der Ausstellung „Joseph Beuys: Werklinien“.

Joseph Beuys, Wurfkreuz mit Uhr, 1952, Sammlung Viehof (Photographie Egbert Trogemann)
Joseph Beuys, Wurfkreuz mit Uhr, 1952 © Sammlung Viehof © Photographie Egbert Trogemann © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 für Joseph Beuys und Egbert Trogemann

Die Ausstellung kreist vor allem um Werke, die Beuys in den späten 1940er und 1950er Jahren schuf. Sie markieren eine Übergangszeit. In einigen spürt man noch deutlich den Einfluss der symbolhaften Naturdarstellungen und religiösen Motive seines Akademielehrers Ewald Mataré, so etwa bei einer kleinformatigen Pietà (1949-50) oder dem Sonnenkreuz (1947-48), einem hölzernen Kruzifix mit wirbelnden Sonnensymbol. In anderen Werken schleichen sich dann Elemente ein, die schon auf den Beuys der frühen Fluxuszeit hindeuten. In seinem Wurfkreuz mit Uhr (1952) ist es eine Stoppuhr, die auf ein bronzenes Kreuz appliziert ist und die christlich-religiöse Lesart mit einer Art dadaistischen Irritationsgeste ins Wanken bringt. Hier lässt sich die Suche des Künstlers nach einer eigenen Formensprache und Motivik wunderbar nachvollziehen. Man kommt der Arbeitsweise von Joseph Beuys in der Beobachtung solcher Entwicklungsschritte näher, als beim Besuch des 2012 wieder zugänglich gemachten ehemaligen Ateliers des Künstlers, das sich am Ende der aktuellen Ausstellung räumlich anschließt. Hier sind allerlei originale Werkzeuge und Utensilien aus dem Nachlass zu sehen, die einen stimmungsvollen Eindruck der Arbeitsbedingungen von damals erlauben. Angesichts der Bedeutsamkeit des Ortes für Beuys‘ Biografie ist es ein großes Verdienst des Museums die Räume restauriert und ausgestattet zu haben. Doch bleiben sie naturgemäß eher eine atmosphärische Ergänzung zu den eigentlichen Kunstwerken.

Joseph Beuys, Straßenbahnhaltestelle, Venedig, 1976 (Photographie Herbert Schwöbel), Museum Kurhaus Kleve
Joseph Beuys, Straßenbahnhaltestelle, Venedig, 1976 © Museum Kurhaus Kleve © Photographie Herbert Schwöbel © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 für Joseph Beuys

Von denen gibt es in der Ausstellung reichlich zu sehen. Neben den erwähnten plastischen Arbeiten sind das vor allem Arbeiten auf Papier, darunter Zeichnungen der 4 Bücher aus Projekt Westmensch, den Skizzenbüchern, die Beuys ab 1958 als Ideenresrervoir anlegte, und filigrane Konstruktionsentwürfe für Skulpturen wie das Büdericher Ehrennmal. Den chronologischen Endpunkt der Ausstellung bildet die monumentale Straßenbahnhaltestelle (1976). Für seinen Beitrag zur Venedig Biennale 1976 goss Beuys Teile einer Skulptur ab, die eine Straßenbahnhaltestelle seiner ehemaligen Heimat Kleve flankierte und heute an anderem Ort in Kleve steht. Die sogenannte „Cupido-Säule“, von Ortsansässigen auch „Eiserner Mann“ genannt, war ein 1653 zur Skulptur umfunktioniertes historisches Kanonenrohr, umgeben von vier, später drei Mörsern. Die Kanonenmündung auf der Spitze verschloss Beuys mit dem Abguss einer früher entstandenen Gipsdarstellung eines Kopfes. Die Genese des Werkes und seine vielfältigen historischen Anknüpfungspunkte sind im Katalog zur Ausstellung detailliert beschrieben. Hier finden sich neben Abbildungen der Exponate auch pointierte Essays zu Joseph Beuys‘ Zeit in Kleve und den Werken, die hier entstanden. Ebenso wie die Ausstellung wirft der Katalog ein erhellendes Licht auf eine prägende Etappe des Künstlers auf dem Weg zu einer selbständigen Ästhetik. Näher als in Kleve kann man dem frühen Beuys nicht kommen.

Joseph Beuys, Eiserner Mann, 1961 (1976), Gipsabguss von modelliertem Ton, Museum Kurhaus Kleve, Leihgabe der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Joseph Beuys, Eiserner Mann, 1961 (1976), Gipsabguss von modelliertem Ton © Museum Kurhaus Kleve, Leihgabe der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf © Photographie: Annegret Gossens © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 für Joseph Beuys

Ausstellung bis zum 4. September 2016, Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung, Tiergartenstraße 41, 47533 Kleve

Joseph Beuys. Werklinien
Katalog Museum Kurhaus Kleve
Hrsg. v. Freundeskreis Museum Kurhaus u. Koekkoek Haus Kleve
Mai 2016
Gebunden, 288 Seiten, dt./engl.
ISBN: 978-3-934935-80-8
34,90 EUR (D)

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