Neuerscheinung: Beuys Düsseldorf-Oberkassel Drakeplatz 4

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Konstellation von Beuys im
Raum Drakeplatz 4 mit „Stuhl mit Fett 1962–1963“, 1963, © Eva Beuys, für die abgebildeten Werke von Joseph Beuys © VG Bild-Kunst, Bonn/courtesy Schirmer/Mosel

Ein neuer Bildband zeigt Aufnahmen aus dem Düsseldorfer Atelier und Wohnhaus von Joseph Beuys aus den Jahren 1961 bis 1977. Gemacht hat sie Eva Beuys, die Ehefrau des Künstlers, mit einer 9 x 12 cm Plattenkamera. Sparsam hätten sie sein müssen damals, schreibt Eva Beuys im Vorwort, so dass jede Aufnahme mit dem teuren Fotomaterial mit bedacht ausgeführt wurde. Und tatsächlich mutet keines der Motive wie ein Schnappschuss an. Wenn etwa in Augenhöhe der Kamera der heute weltberühmte Fettstuhl (1962/63) im strengen Profil neben anderen Werken auf einem Tisch steht, wirkt nichts zufällig. Offenbar arrangierte Beuys seine Werke in verschiedenen Konstellationen, erprobte so ihre Wechselwirkung untereinander und ihre Präsenz im Raum.

Manche der teils selbstgebauten Möbelstücke muten fast selbst wie Plastiken an. Der auffällige Bodenbelag aus eigenhändig vernähten Nackenstücken von Rindsleder etwa hätte gut auch Teil eines Environments sein können. Andere Einrichtungsgegenstände, wie ein Ölofen oder ein Bildhauerbock, fanden tatsächlich später Eingang ins Oeuvre des Künstlers und wanderten von der Wohnung am Drakeplatz aus durch Galerien und Ausstellungshäuser in ganz Deutschland. Geschichte und Verbleib der Objekte werden im Anhang detailliert von Eva Beuys beschrieben – eine kenntnisreiche Fundgrube zur Genese einzelner Werke.

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Detail aus „dernier espace avec introspecteur 1964–1982“ zwischen Herd und Spültisch, 19??, © Eva Beuys, für die abgebildeten Werke von Joseph Beuys © VG Bild-Kunst, Bonn/courtesy Schirmer/Mosel

Beuys lebte inmitten seiner Kunst, ebenso wie seine Familie. Einige der anrührendsten Fotos zeigen, wie unbefangen die Kinder des Hauses sich zwischen den Werken bewegen, mit ihnen spielen, auf ihnen liegen. Sohn Wenzel konnte noch nicht wissen, dass die Sitzmatratze, auf der er eingeschlafen ist, später unter dem Titel LICHAMEN eines der Hauptwerke der ersten Museumsausstellung seines Vaters werden würde. Der Anspruch des Kunsttheoretikers Beuys, Kunst und Leben müssten sich miteinander verschränken, wurde beim Familienvater längst praktisch in die Tat umgesetzt.

Das Wiedersehen heutiger Museumsstücke im privaten Arbeits- und Lebensumfeld des Künstlers löst eine schwer fassbare Wehmut aus, als umgebe die Objekte am Ort ihrer Entstehung eine Aura der zwingenden Unmittelbarkeit. Die 63 ganzseitig abgedruckten Fotos beschwören einen unwiederbringlichen historischen Zustand, in dem Kunst und Leben tatsächlich und tagtäglich aneinander stießen. Wer sonst außer Joseph Beuys hätte das so lakonisch zwischen Werkstatt, Herd und Spültisch inszenieren können?

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Wenzel schlafend, Blick aus Raum Drakeplatz 4 in Richtung Haustür, © Eva Beuys, für die abgebildeten Werke von Joseph Beuys © VG Bild-Kunst, Bonn/courtesy
Schirmer/Mosel

 

Eva Beuys, Joseph Beuys
Beuys Düsseldorf-Oberkassel Drakeplatz 4
April 2016, Schirmer/Mosel
Gebunden, 144 Seiten, 64 Abbildungen
ISBN: 978-3-8296-0704-9
49,80 € (D), 51.20 (A), CHF 57.30

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