Ausstellung: Joseph Beuys. Werklinien

Joseph Beuys in seinem Atelier im Kurhaus in Kleve, über das Kreuz des Büdericher Ehrenmals gebeugt, 1959 (Photographie Fritz Getlinger), Museum Kurhaus Kleve
Joseph Beuys in seinem Atelier im Kurhaus in Kleve, über das Kreuz des Büdericher Ehrenmals gebeugt, 1959 © Museum Kurhaus Kleve – Nachlass Fritz Getlinger, Kleve © Photographie: Fritz Getlinger © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 für Joseph Beuys

Die Stadt Kleve am Niederrhein ist mit der Biografie von Joseph Beuys auf besondere Weise verknüpft. Fast 40 Jahre lang war dieser Ort sein Lebensmittelpunkt und der gebürtige Krefelder bezeichnet ihn in seinem poetisch-freien Lebenslauf/Werklauf sogar als seinen Geburtsort. Ende der 1950er Jahre – kurz nach seinem Kunststudium in Düsseldorf – bezog er im Gebäude des heutigen Museums Kurhaus Kleve für einige Jahre sein Atelier. Eine Fotoserie von Fritz Getlinger zeigt den jungen Beuys, als er 1958 in eben diesen Räumen an einem seiner ersten öffentlichen Aufträgen als Bildhauer arbeitet: Dem Büdericher Ehrenmal für die Toten der Weltkriege. Das Ensemble aus Kreuzform und Tor aus massivem Eichenholz schuf Beuys für einen romanischen Turm in Meerbusch-Büderich, wo es bis heute seinen festen Platz hat. Im Rahmen von Säuberungs- und Restaurierungsmaßnahmen wurden die Objekte nun kurzfristig deinstalliert. So bietet sich seit dem 1. Mai die einmalige Gelegenheit, die Arbeit an der Stätte ihrer Entstehung zu erleben. Im lichtdurchfluteten Ausstellungssaal des Museums wirkt das dunkle Holz mit seinen schweren Eisenbeschlägen archaisch an. Die groben Versalien, mit denen Beuys die Namen der 222 Büderichen Kriegstoten in den rechten Torflügel kerbte, sind gut zu lesen, schräg davor ragt das „Auferstehungssymbol“ auf, wie es der Künstler selbst bezeichnete. Die Verschmelzung aus engelhaftem Wesen und Kreuzform steht kopfüber aufgebockt mitten im Raum. Die eigenwillige Aufstellung ist eine Reminiszenz an eben jene Arbeitssituation, die Getlingers Fotos dokumentieren. Die beindruckende Begegnung mit der frühen Monumentalskulptur des Künstlers bildet den Schlüsselmoment der Ausstellung „Joseph Beuys: Werklinien“.

Joseph Beuys, Wurfkreuz mit Uhr, 1952, Sammlung Viehof (Photographie Egbert Trogemann)
Joseph Beuys, Wurfkreuz mit Uhr, 1952 © Sammlung Viehof © Photographie Egbert Trogemann © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 für Joseph Beuys und Egbert Trogemann

Die Ausstellung kreist vor allem um Werke, die Beuys in den späten 1940er und 1950er Jahren schuf. Sie markieren eine Übergangszeit. In einigen spürt man noch deutlich den Einfluss der symbolhaften Naturdarstellungen und religiösen Motive seines Akademielehrers Ewald Mataré, so etwa bei einer kleinformatigen Pietà (1949-50) oder dem Sonnenkreuz (1947-48), einem hölzernen Kruzifix mit wirbelnden Sonnensymbol. In anderen Werken schleichen sich dann Elemente ein, die schon auf den Beuys der frühen Fluxuszeit hindeuten. In seinem Wurfkreuz mit Uhr (1952) ist es eine Stoppuhr, die auf ein bronzenes Kreuz appliziert ist und die christlich-religiöse Lesart mit einer Art dadaistischen Irritationsgeste ins Wanken bringt. Hier lässt sich die Suche des Künstlers nach einer eigenen Formensprache und Motivik wunderbar nachvollziehen. Man kommt der Arbeitsweise von Joseph Beuys in der Beobachtung solcher Entwicklungsschritte näher, als beim Besuch des 2012 wieder zugänglich gemachten ehemaligen Ateliers des Künstlers, das sich am Ende der aktuellen Ausstellung räumlich anschließt. Hier sind allerlei originale Werkzeuge und Utensilien aus dem Nachlass zu sehen, die einen stimmungsvollen Eindruck der Arbeitsbedingungen von damals erlauben. Angesichts der Bedeutsamkeit des Ortes für Beuys‘ Biografie ist es ein großes Verdienst des Museums die Räume restauriert und ausgestattet zu haben. Doch bleiben sie naturgemäß eher eine atmosphärische Ergänzung zu den eigentlichen Kunstwerken.

Joseph Beuys, Straßenbahnhaltestelle, Venedig, 1976 (Photographie Herbert Schwöbel), Museum Kurhaus Kleve
Joseph Beuys, Straßenbahnhaltestelle, Venedig, 1976 © Museum Kurhaus Kleve © Photographie Herbert Schwöbel © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 für Joseph Beuys

Von denen gibt es in der Ausstellung reichlich zu sehen. Neben den erwähnten plastischen Arbeiten sind das vor allem Arbeiten auf Papier, darunter Zeichnungen der 4 Bücher aus Projekt Westmensch, den Skizzenbüchern, die Beuys ab 1958 als Ideenresrervoir anlegte, und filigrane Konstruktionsentwürfe für Skulpturen wie das Büdericher Ehrennmal. Den chronologischen Endpunkt der Ausstellung bildet die monumentale Straßenbahnhaltestelle (1976). Für seinen Beitrag zur Venedig Biennale 1976 goss Beuys Teile einer Skulptur ab, die eine Straßenbahnhaltestelle seiner ehemaligen Heimat Kleve flankierte und heute an anderem Ort in Kleve steht. Die sogenannte „Cupido-Säule“, von Ortsansässigen auch „Eiserner Mann“ genannt, war ein 1653 zur Skulptur umfunktioniertes historisches Kanonenrohr, umgeben von vier, später drei Mörsern. Die Kanonenmündung auf der Spitze verschloss Beuys mit dem Abguss einer früher entstandenen Gipsdarstellung eines Kopfes. Die Genese des Werkes und seine vielfältigen historischen Anknüpfungspunkte sind im Katalog zur Ausstellung detailliert beschrieben. Hier finden sich neben Abbildungen der Exponate auch pointierte Essays zu Joseph Beuys‘ Zeit in Kleve und den Werken, die hier entstanden. Ebenso wie die Ausstellung wirft der Katalog ein erhellendes Licht auf eine prägende Etappe des Künstlers auf dem Weg zu einer selbständigen Ästhetik. Näher als in Kleve kann man dem frühen Beuys nicht kommen.

Joseph Beuys, Eiserner Mann, 1961 (1976), Gipsabguss von modelliertem Ton, Museum Kurhaus Kleve, Leihgabe der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Joseph Beuys, Eiserner Mann, 1961 (1976), Gipsabguss von modelliertem Ton © Museum Kurhaus Kleve, Leihgabe der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf © Photographie: Annegret Gossens © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 für Joseph Beuys

Ausstellung bis zum 4. September 2016, Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung, Tiergartenstraße 41, 47533 Kleve

Joseph Beuys. Werklinien
Katalog Museum Kurhaus Kleve
Hrsg. v. Freundeskreis Museum Kurhaus u. Koekkoek Haus Kleve
Mai 2016
Gebunden, 288 Seiten, dt./engl.
ISBN: 978-3-934935-80-8
34,90 EUR (D)

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Ein Gedanke zu “Ausstellung: Joseph Beuys. Werklinien

  1. Zum 30.Todesjahr Beuys gibt es auch in seinem beliebten Schottland eine große Ausstellung von mehr als 130 originelle Zeichnungen, Kollage und Plastikbilder aus der Sammlung ARTIST ROOMS von Anthony D’Offay – die meiste zum ersten Mal seit 1983 zu sehen.
    https://goo.gl/hQIwgZ
    #BeuysLanguageofDrawing
    #BeuysEdinburgh2016 #JosephBeuys #ScotModern @ArtistRooms

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