Neuerscheinung: Joseph Beuys und die Arte povera

Cover2015AngerbauerArteDas Werk von Joseph Beuys scheint vielen wie ein Monolith aus den großen Kunstbewegungen ab den 1960er Jahren aufzuragen. Vor allem die eigenwillige Materialästhetik und das Vokabular wiederkehrender Formen und Motive lässt den „Kosmos Beuys“ häufig als Sonderfall der zeitgenössischen Kunst erscheinen. Schaut man sich allerdings die Situationen an, an denen Beuys ausstellte – Großereignisse wie die documenta oder Harald Szeemanns diskursprägende Schau Live in your head: When Attitudes become Form – wird eines deutlich: Beuys‘ Filzstapel und Raumarbeiten, seine Vorliebe für Alltagsobjekte und Naturmaterialien fügen sich erstaunlich gut in die Kunstproduktion nationaler und internationaler Zeitgenossen ein.

Dirk Luckow war einer der ersten, die 1998 systematisch zeigen konnten, wie selbstverständlich sich Beuys von den Errungenschaften seiner amerikanischen Künstlerkollegen hat inspirieren lassen, und wie sehr sein eigenes unbeirrbares Gefühl für Formen und Materialien umgekehrt auf diese rückwirkte. Was Beuys‘ Werk im innersten zusammenhält, ist zu allererst ihr theoretisches Rückgrat, und erst in zweiter Instanz ihre äußerliche Anmutung. Die ungeheure Resonanz auf Beuys‘ Werke verdankt sich auch dem genialen Kniff, die gesamte Bandbreite künstlerischer Ausdrucksformen der Zeit für das Bestellen des eigenen semantischen Feldes zu nutzen. Beuys selbst sagte einmal: „Die einzige Genialität die ich besitze ist die, dass ich mich mit dem Druck der Zeit bewege, während andere sich dagegen bewegen.“

Eine neue Untersuchung von Carolin Angerbauer thematisiert nun die vielfältigen Bezüge der Arte povera zu Joseph Beuys. Ihre Argumentation stützt sich dabei nicht so sehr auf die Art von Bildvergleichen, die Luckows Arbeit so überzeugend gemacht haben. Statt die Form- und Materialästhetik in den Fokus zu nehmen, was naheliegend erschienen wäre, wählt die Autorin vier übergeordnete Themenbereiche anhand derer sie die künstlerischen Positionen vergleichend gegenüberstellt: „Dialektische Prinzipien (als Methode)“, „Wurzeln der Bild(er)findung“, „Raum“ und „Energie“. Jeder der Bereiche wird jeweils am Werk von Jannis Kounellis, Luciano Fabro und Mario Merz, als drei Protagonisten der Arte povera, sowie von Joseph Beuys dargestellt.

Neben Werkbeschreibungen geben vor allem Aussagen der Künstler selbst Aufschluss über ihre Arbeit. Die Künstler werden so auch als Kunsttheoretiker gewürdigt, deren Sprachgebrauch und Vokabular bisweilen aufschlussreiche Ähnlichkeiten aufweisen. Ohne Kontext könnte man manches Zitat des einen auch einem der anderen in den Mund legen, ohne dass es sofort auffiele. Beuys und die Künstler der Arte povera teilen sich etwa die Suche nach neuen Ausdrucksformen im Raum und nach einer neuen Materialität. Sie nutzen die Metaphorik der Natur und energetischer Prozesse. Und vor allem sind sie überzeugt von der anthropologischen Dimension ihres Schaffens, die Gesellschaft, Politik und Kunst miteinander verschränkt. Erst der systematische Aufbau der Untersuchung und die feinsinnige Darlegung der Autorin lassen die subtilen Unterschiede der künstlerischen Positionen konturiert hervortreten. Es wird zum einen deutlich, wie nahe sich ihre grundsätzlichen Zielsetzungen sind, zum anderen aber, wie unterschiedlich die Wege sind, auf denen diese Ziele verfolgt werden.

Es bleibt etwas schade, dass die Abhandlung von Carolin Angerbauer auf der visuellen Ebene sehr sparsam ist, was das Buch als solches etwas spröde erscheinen lässt. Die textliche Darstellung ist dafür analytisch treffsicher und im Aufbau überzeugend stringent.Die Verwandtschaft der Arte povera und Joseph Beuys ist häufig gesehen und angesprochen worden, aber noch nie so ausführlich und systematisch wie hier. Ein wichtiger Aspekt der Beuys-Forschung hat endlich eine adäquate Würdigung erfahren.

Carolin Angerbauer
Joseph Beuys und die arte Povera. Materialität und Medialität
November 2015, Graphentis Verlag München
Broschur, 426 Seiten
ISBN 978-3-942819-06-0
24,99 € (D)

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