Neuerscheinung: Fruchtmann

Was macht man als begabter Maler, wenn es an der Zeit für die Wahl eines Berufes ist? Natürlich – auf die Kunsthochschule gehen, um Künstler zu werden. So ungefähr hatte es sich der Ich-Erzähler in Tibor Patakys Roman Fruchtmann gedacht, als er um 1970 in der Klasse von Professor Joseph Beuys in Düsseldorf landet. Was ihn dort erwartet, ist weitaus schwieriger als das Erweitern und Erlernen malerischer Techniken, es ist die unerwartete Konfrontation mit der Frage, was das eigentlich sei, ein Künstler.

FRUCHTMANN-COVER
Beuys, mit – neben – gegen, 1976-7 (c) Prolitteris, 2015

Beuys hat seine Klasse in der Kunstakademie unlängst für alle geöffnet, die bei ihm studieren wollen. Die Umgehung des offiziellen Zulassungsverfahrens bringt ihm dabei nicht nur Ärger mit der Leitung der Akademie ein, sondern führt letztlich sogar zu seiner fristlosen Entlassung aus dem Lehrbetrieb. Als Patakys Erzähler in die Klasse kommt, muss er sich den Platz dort bereits mit über 200 Kommilitonen teilen, die um die Aufmerksamkeit des Meisters buhlen. Dessen Unterricht ist streng, seine Korrekturen gefürchtet. Nicht selten übermalt, verändert oder zerstört der Lehrer ungefragt Werke seiner Schüler, schickt sie ohne konkrete Anweisungen oder Vorschläge zurück an den Werktisch, wenn man dann einen abbekommen hat im völlig überfüllten Raum 20. Die Atmosphäre ist explosiv.

Schnell merkt der Ich-Erzähler, dass es in den hitzigen Diskussionen vor, während und nach dem Unterricht weniger ums Bildermalen oder plastische Arbeiten geht, sondern vielmehr um die ganz großen Themen: die Gesellschaft, die Politik, die Erziehung, das Menschsein und vor allem die Rolle der Kunst im Spannungsfeld all dieser Lebensbereiche. Viel Stoff für einen, der eigentlich nur gekommen war, um aus seinem zeichnerischen Talent einen Beruf zu machen. Die ersten Selbstzweifel des Erzählers bleiben nicht aus: Was will ich mit meinen Bildern sagen? Was treibt mich an zu malen? Ist es mir wirklich ernst mit der Kunst?

Erst Jahre später, Beuys lebt längst nicht mehr, traut sich der Erzähler, seinen ehemaligen Professor mit all diesen Fragen zu konfrontieren, ihm zu schildern wie es war, sich an ihm, dem Totalkünstler, als Vorbild messen lassen zu müssen. Über lange Strecken liest sich dieser nie versendete Brief, als der die Erzählung formuliert ist, wie eine Anschuldigung. Bildhaft schildert Pataky die bisweilen anarchischen Zustände in der Beuys-Klasse, lässt seinen Erzähler fragen, warum der Professor nicht eingegriffen hat, wenn etwa Studierende aufgrund des Konkurrenzkampfs zwischen den Kommilitonen, der chaotischen Arbeitsbedingungen oder der immer währenden beißenden Fremd- und Selbstkritik resigniert sind. Er lässt aber auch nie einen Zweifel darüber aufkommen, wie richtig, wie unumgänglich die existentiellen Fragen waren, denen Beuys seine Studenten aussetzte.

Der Autor hat zahlreiche Ehemalige der Klasse Beuys interviewet. Darüber hinaus standen ihm die Publikationen von Petra Richter und von Beuys-Meisterschüler Johannes Stüttgen zur Verfügung, um seine Geschichte über einen fiktiven Beuys-Schüler so glaubhaft  und authentisch wie möglich zu machen. Verbürgte Anekdoten, wirkliche Personen und der tatsächliche Ablauf der Geschehnisse rund um Beuys’ Lehrtätigkeit bilden eine perfekte Bühne. Auf ihr kann Pataky das introspektive Drama einer Persönlichkeitsentwicklung entfalten, das durch die Anonymisierung seines Protagonisten stellvertretend für viele steht. Es ist die Geschichte derjenigen, denen das Studium bei Joseph Beuys zwar nicht zur großen Kunstmarkt-Karriere verhalf, die aber das Erlebnis dieser intensiven Zeit wie einen persönlichen Schatz hüten, der sie ein Leben lang an all ihre unterschiedlichen Wirkungsstätten begleitet. Nach der Lektüre des Romans hat man verstanden, warum sich viele von ihnen bis heute als „Beuys-Schüler“ bezeichnen, obwohl sie – oftmals selbst Kunsterzieher geworden – längst Generationen eigener Schüler betreut und geprägt haben.

Tibor Patakys Balance aus Fiktion und Tatsachen ist äußerst überzeugend, was nicht zuletzt der sorgfältigen Recherche geschuldet ist, die der Erzählung zugrunde liegt (es gibt sogar einen ausführlichen Anmerkungsapparat). Dank seiner einzigartigen atmosphärischen Dichte kann der Roman die kunsthistorischen Abhandlungen über Joseph Beuys‘ Rolle als Professor um eine lebhafte und erkenntnisreiche Facette ergänzen.

Tibor Pataky: Fruchtmann
Februar 2015, Kommode Verlag Zürich
Broschur, 2o8 Seiten
ISBN 978-3-9524114-8-3
19,90 € / 21.90 CHF

Literatur zum Thema:

Petra Richter, Mit, neben, gegen. Die Schüler von Joseph Beuys, Düsseldorf 2000

Johannes Stüttgen, Der Ganze Riemen. Der Auftritt von Joseph Beuys als Lehrer – die Chronologie der Ereignisse an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf 1966–1972, Köln 2008

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