Ausstellung: Joseph Beuys. 7000 Eichen – StadtRaum und Zeit

Erste Eiche an der Spitze des Stelen-Keils auf dem Friedrichsplatz. Foto: Dieter Schwerdtle
Erste Eiche an der Spitze des Stelen-Keils auf dem Friedrichsplatz. Foto: Dieter Schwerdtle

Zu Beginn der documenta 7 im März 1982 ließ Joseph Beuys auf dem Friedrichsplatz direkt vor dem Kassler Fridericianum 7000 Basaltstelen aufschichten. Der steinerne Damm bildete aus der Vogelperspektive betrachtet eine Keilform, an deren Spitze eine junge Eiche stand. Den Baum hatte der Künstler selbst gepflanzt und damit den Startschuss für ein Projekt gegeben, das bis heute fortlebt. Für 500,- DM konnte man einen Basaltblock mit jeweils einer jungen Eiche erwerben und im Stadtraum Kassels aufstellen. Die Stele sollte dabei wie ein kleiner Wächter neben dem Baum stehen und ihn gleichsam als Teil des Kunstprojekts markieren.

In unzähligen Gesprächen hatte Beuys die Finanzierung des Projekts gestemmt und die Behörden der Stadt von seiner Realisierung unter dem Titel 7ooo Eichen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung überzeugt. Unterstützung gab es unter anderem vom damaligen Kasseler Bürgermeister Hans Eichel, dem vor allem der ökologische Aspekt interessiert haben mag. Am Ende sollten schließlich nicht weniger als 7000 frisch gepflanzte Bäume den Stadtraum von Kassel beleben.

In keinem anderen Werk hat Beuys seine Idee der Sozialen Plastik so eindrücklich vor Augen geführt. Mit jedem verkauften Baum schmolz der Basaltberg auf dem Friedrichsplatz zusehends, während irgendwo in Kassel Firmenmitarbeiter, Privatfamilien oder Hausgemeinschaften über den besten Standort für das Ensemble aus Baum und Stein diskutierten. Der Basaltkeil als bildhauerisch geformtes Land-Art-Objekt, als Kunstwerk im engeren Sinne, ging nach den Vorstellungen des Künstlers in eine soziale und ökologische Handlung über – in ein Kunstwerk im erweiterten Sinne der Sozialen Plastik.

Pflanzung der ersten Eiche auf dem Friedrichsplatz am 16. März 1982 Foto: Dieter Schwerdtle
Pflanzung der ersten Eiche auf dem Friedrichsplatz am 16. März 1982. Foto: Dieter Schwerdtle

Die Neue Galerie in Kassel widmet der Aktion nun eine neue Kabinettausstellung. Anhand von Fotos, Originaldokumenten, Audio- und Filmmaterialien wird nicht nur die Historie des Projekts erzählt. Vielmehr wird auch deutlich, wie sehr Beuys‘ Vision bis heute in die Lebenswirklichkeit der Menschen reicht.

Ein Dokumentarfilm von Fabian Püschel, der in der Ausstellung zu sehen ist, kombiniert historische Aufnahmen aus der Entstehungszeit des Projekts mit neueren Interviews. Lange Kamerafahrten entlang dichter Alleen von Beuys-Eichen erschließen die Dimension der Zeit, die der Künstler 1982 bereits mitgedacht hat. Im Gegensatz zu „klassischen“ Kunstwerken, ist die Soziale Plastik niemals vollendet oder abgeschlossen. Basaltstelen und Bäume müssen gepflegt, bisweilen umgesetzt oder neu gepflanzt werden. Die Stiftung 7000 Eichen, die diesen Prozess begleitet, hat auch die jetzige Ausstellung unterstützt. So kann man die Präsentation auch als „Werbung“ verstehen, als Aufforderung, nach Beuys‘ Vorbild an der Formung der Gesellschaft aktiv mitzuwirken – sei es politisch, ökonomisch oder eben ökologisch. Das Pflanzen eines Baumes kann ein Anfang sein.

Ausstellung bis 31. Januar 2016, Neue Galerie, Schöne Aussicht 1, 34117 Kassel

Dokumentarfilm 7000 Eichen von Volker Püschel auf YouTube

Literatur zum Thema:
Stiftung 7000 Eichen (Hg.), 30 Jahre Joseph Beuys 7000 Eichen, Köln 2012

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