Neuerscheinung: Zeige deine Wunde. Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys

Die Quellen, aus denen sich die Kunst von Joseph Beuys speist, sind vielfältig. Rüdiger Sünner unternimmt mit seinem Buch „Zeige deine Wunde“ den Versuch, diesen Quellen nachzuspüren. In 16 Kapiteln umkreist er dabei z.B. die Symbolik von Tierdarstellungen, wie die von Schwänen, Hirschen, Hasen, bis hin zum Kojoten und zum Bienenstaat. Auch die literarischen Bezugspunkte werden angesprochen: Goethe, Novalis, Nietzsche, Joyce, die Welt der Märchen und der Mythologien. Andere Hauptmotive entspringen dem für Beuys neu zu denkenden Verhältnis des Menschen zur Natur, etwa die Figur des Hirten und diverse Pflanzendarstellungen. Inspirieren lässt sich der Künstler auch auf Reisen durch die Moor- und Basaltlandschaften Irlands und Schottlands.
Cover_Suenner_2015

Es sind kurze Kapitel, in denen erhellende Schlaglichter auf die vielfältigen Themen geworfen werden. Sünner gelingt es, die Komplexität der Denkfiguren dabei gebührend zu umreißen, ohne sich im Detail zu verlieren. Möglich ist das mit Hilfe eines roten Fadens, mit dem er alle Beobachtungen verknüpft: dem Motiv des Heilens. Sünner stellt Beuys als Heiler vor, der ausgehend von seiner menschlichen Verletzlichkeit eine Kunst schafft, die die Versehrtheit einer ganzen Gesellschaft in den Blick nimmt. Es ist eine Rolle, auf die Beuys selbst immer wieder verwiesen hat und die sich auch in seinen Objekten manifestiert. Nicht wenige sind mit Mullbinden und Pflastern verarztet, Fieberthermometern ausgestattet oder roten Kreuzen bemalt. Das Leitmotiv der Heilung bietet vor allem dann eine wichtige Orientierung, wenn Sünner auf die abstrakteren Konzepte in Beuys‘ Kunst eingeht: Alchemistische Transformation, vorsprachliche Urbilder, die Dimension der Zeit, Kreativitäts- und Kapitalbegriff, Religion und Spiritualität.

Die umfangreiche Literatur zu Beuys bietet zu vielen der angesprochenen Themen detaillierte Einzelstudien, denen Sünner keine überraschend neuen Erkenntnisse hinzuzufügen will. Seine Stärke liegt vielmehr darin, sich ihnen sehr persönlich, fast behutsam zu nähern, ohne aber die sachlich-kritische Distanz aufzugeben. Deutlich wird das etwa, wenn er einfühlsam die schroffe Materialästhetik der Vitrine „Auschwitz Demonstration“ (1956-1964) beschreibt, Beuys’ eigene Deutung des „Prinzips Auschwitz“ letztlich aber als missglückte Metaphernbildung zurückweist.

Zwei Themenfeldern widmet Sünner sein besonderes Augenmerk. Zum einen Beuys’ Rückgriff auf die Anthroposophie Rudolf Steiners, zum anderen seine Erfahrungen als Soldat im Zweiten Weltkrieg. In der letzten großen Biografie über Beuys hat Hans Peter Riegel eben diese beiden Themen in Stellung gebracht, um eine gefährliche Nähe von Beuys zu einer völkischen Ideologie zu konstruieren, die Riegel als zentrale Aspekte sowohl in den Schriften Steiners als auch im Werk von Beuys verstanden wissen will. Sünners Blick auf diesen Komplex ist ungleich differenzierter und aufschlussreicher, da er sich kenntnisreich in den Schriften Steiners bewegt und sensibler im Umgang mit der Metaphorik der beuysschen Ästhetik ist.

Überhaupt lässt sich Sünners Buch wie eine Antithese zu Riegels Biografie lesen. Wo letzterer alle motivischen und ideellen Vorbilder heranzieht, um Beuys‘ eigene Leistung als Künstler zu relativieren, stellt Sünner die Quellen als das dar, was sie sind: Ein unermesslicher Steinbruch komplexer Bedeutungen, aus dem Beuys eine eigenständige, zeitgemäße Formensprache erschafft, die zwischen schmerzhafter Klarheit und poetischem Geheimnis oszilliert. Wo Riegel versucht die Person Beuys durch akribisches Zusammentragen von Daten und Fakten auszuleuchten, konzentriert Sünner sich auf Schlüsselereignisse und -eindrücke, die den Menschen Beuys erfahrbar machen. Mensch und Künstler sind nach Beuys’ Verständnis das Gleiche. Und so wundert es nicht, dass man am Ende der Lektüre von Sünners Abhandlung einen äußerst aufschlussreichen Blick sowohl auf den Menschen Joseph Beuys als auch auf seine Kunstwerke geworfen zu hat.

Rüdiger Sünner: Zeige deine Wunde. Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys
März 2015, Europa Verlag Berlin
Geb. mit Schutzumschlag, 224 Seiten, mit ca. 30 Abbildungen
ISBN 978-3-944305-88-2, WG 1580
17,99 € (D) / 18,50 € (A) / 25.90 CHF

Zum Buch erschien ein gleichnamiger Film im Verlag Absolut Medien

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