Ausstellung: KUNST FÜR ALLE. Multiples, Grafiken, Aktionen aus der Sammlung Staeck

Anlässlich der vierten Documenta 1968 kam Klaus Staeck der Gedanke, man müsse etwas gegen den Einheitsbrei langweiliger Postkarten mit Kassler Stadtansichten machen, und fragte Künstler nach Entwürfen. Gleich das erste Motiv der Reihe hatte es in sich. Es zeigt zwar den Friedrichsplatz im Zentrum Kassels, allerdings aus einem wenig repräsentativen Blickwinkel. Von der imposanten Fassade des Fridericianums ragt nur ein winziger Teil in den Bildausschnitt, statt dessen schiebt sich eine mehrspurige Straße in den Vordergrund. Auf das verunglückte Foto in kontrastarmen Schwarzweiß ist ein übergroßer roter Stempel mit beuysschem Kreuz und dem Schriftzug „Deutsche Studentenpartei“ gedrückt. Die unlimitierte Postkarte war die erste Arbeit von Joseph Beuys, die von Klaus Staeck hergestellt und vertrieben wurde – bis 1986 sollten noch etwa 200 weitere folgen.

Kunst-für-AlleStaeck und Beuys war es immer um eine Kunst gegangen, die gesellschaftliche Prozesse nicht nur kommentierte, sondern vielmehr einer ihrer immanenten Bestandteile war, sich einmischte. Um ihre Kunst in die politische Öffentlichkeit zu bringen war die Streuung der Werke eine der Grundvoraussetzungen. Staeck führte ein Doppelleben als grafischer Künstler und als Verleger für sich und andere. Seine Heidelberger Edition Tangente, ab 1972 dann Edition Staeck, vertrieb dabei nicht nur Grafiken und Plakate, sondern auch plastische Objekte. Die Multiples standen wie kaum ein anderes Medium für die Demokratisierung künstlerischer Ideen. Dabei sollten Kunstwerke nicht zu Pop-Produkten für den Massenkonsum werden, sondern sich vielmehr wie Sandkörner im Getriebe des politischen Diskurses verteilen und festsetzen.

Die Ausstellung KUNST FÜR ALLE in der Akademie der Künste in Berlin zeigt ab heute über 300 Multiples und Grafiken von 150 KünstlerInnen. Dabei handelt es sich nicht nur um Objekte aus der Edition Staeck, sondern auch um Werke anderer Verlage, die Staeck als Sammler zusammengetragen hat. Durch diese Erweiterung des Fokus wird der Stellenwert des Multiples in der Kunst seit den 1960er Jahren als Phänomen deutlich, das sich nicht auf einzelne künstlerische Szenen, Gruppen oder Strömungen beschränkte. Die Liste der gezeigten Künstler vereint so unterschiedliche Positionen wie Marcel Broodthaers, Christo, Hanne Darboven, Robert Filliou, Rebecca Horn, Jannis Kounellis, Yoko Ono, Nam June Paik, Neo Rauch, Gerhard Richter, Daniel Spoerri, Rosemarie Trockel und Wolf Vostell.

Beuys-BookAllein 40 der gezeigten Exponate sind von Joseph Beuys. Seiner Verbindung mit Klaus Staeck kommt eine besondere Bedeutung zu. Erst 2012 erschien das Beuys Book, das auf über 700 Seiten Fotos zeigt, die Staeck und Gerhard Steidl auf den zahlreichen gemeinsamen Reisen und bei anderen Gelegenheiten von Beuys gemacht haben. Es ist ein unprätentiöser, äußerst persönlicher Gruß, der ohne Text auskommt. Bis heute hält die Edition Staeck die unlimitierten Objekte von Beuys im Umlauf. Die Postkarten – auch die berühmte Filzpostkarte und ihr Pendant aus Holz – werden stetig neu aufgelegt und ermöglichen auch zu einer Zeit der überhitzten Preise auf dem Kunstmarkt den Erwerb eines echten Beuys – für 80 Cent. Kunst für alle.

Ausstellung bis 7. Juni 2015, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Externe Links zum Thema:
Internetseite zur Ausstellung KUNST FÜR ALLE
Internetseite der Edition Staeck

Literatur zum Thema:
Klaus Staeck / Gerhard Steidl, Beuys Book, Göttingen 2012

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